Seite - 210 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Ansprachen, die manchmal eine erhebhche politische Tragweite be-
saßen. Gewöhnlich waren sie aber uniform gestimmt. Man lächelte
und witzelte darüber vielfach. Doch mit Unrecht. Der verewigte
Kaiser wußte, daß jedes seiner Worte, wenn nicht verdreht, doch
x-fach zergliedert und ausgelegt wurde, um womöglich einen ganz
besonderen Sinn zu bekommen, und er wußte auch, daß seinem
nüchternen Verstände jeghche Geistreichelei und Effekthascherei
fernlag. Somit suchte er auch gar nicht nach espritvollen Aper9us,
sondern hielt die Cerclekonversation stets im engen Rahmen, den er
nur selten und dann mit bestimmter Absicht überschritt, noch sel-
tener aber überschreiten ließ. NamentÜch in so kritischer Zeit. —
Es war ein durch Dezennien geübter Brauch, jeden gemeinsamen
Minister spätestens nach der ersten erfolgreichen Delegationssession
mit dem Großkreuz des Leopoldordens auszuzeichnen. Diesem Ge-
wohnheitsaktgemäß wurde auch diesmal vom Chef der Mihtärkanzlei
— beileibe nicht aus irgendweich anderen Motiven— ein bezüglicher
Vortrag unterbreitet,um somehr alsganzbesondereErrungenschaften
erkämpft worden waren. Doch auch jetzt sollte mich kein Strahl der
Gnadensonne streifen, und gelegentlich meines persönHchen Referats
vernahm ich nicht ein Wort der Anerkennung, nur den kurzen Hin-
weis, daß die in zwei Wochen einsetzende nächste Delegation (Bud-
get 1913) gleichfalls wunschgemäß zu realisieren sei. Vom Thron-
folger erhielt ich allerdings ein Schreiben, darin mir bei voller Wür-
digung meiner Leistungen der Dank ausgesprochen wurde.
Die Kriegsereignisse am Balkan schritten fort und bewirkten den
vollständigen militärischen Zusammenbruch der Türkei. Ein Ver-
sagen auf allen Räumen und Linien, so daß der Strom der nach-
folgenden Verfolger, namenthch der Bulgaren, erst an der Tscha-
taldschalinie aufgehalten werden konnte. Ohne zu beschönigen, muß
ich berichten, daß mangels eines positiven Zieles die Ratlosigkeit und
Verlegenheit unserer äußern Politik im gleichen Maße mit den Er-
folgen der christUchen Balkanstaaten wuchs. Im Stillen wünschte
man der Türkei alles Gute, rührte aber keinen Finger, um sie aus
ihrer Notlage zu ziehen. Man komplimentierte die Sieger, deren Er-
folge man heimlich verwünschte, imd wußte nicht Bescheid, wie man
es anstellen sollte, ihren Fortschritten Einhalt zu gebieten, ohne sich
vordem übrigen Europa und vor der eigenen slawischen Bevölkerung
zu diskreditieren.
Unter diesen Umständen wurde selbst die sogenannte ,,Prohazka-
Affäre" wie ein Rettungsanker begrüßt, nach welcher der in Üsküb
residierende österreichisch-ungarische Konsul Prohazka von den Ser-
ben verjagt oder, wie es anfänglich hieß, verstümmelt, ja sogar ge-
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918