Seite - 218 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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günstigen Folgen ganz abgesehen. Conrad soll ein Memorandum, die
Situation betreffend, dem Kaiser vorgelegt haben. Ob über oder
ohne Auftrag weiß ich nicht. Auch Schemua weiß nichts davon.
Immer diese Hintertreppenpolitik, wobei dann oft einer gegen den
andern ausgespielt wird. Nur bei Bolfras konzentriert sich alles!
Stets diese GeneraladjutantenWirtschaft und die ebenso einflußreiche
wie unverantwortliche Kamarilla. Das intrigiert und miniert durch
die Jahrhunderte, allen konstitutionellen Gesetzen zum Trotz. Und
geht's schief, können's andere auslöffeln! Abends Delegationsdiner.
Alles wieder bei rosiger Laune. Ich spreche lange mit Chorin, Isse-
kutz, Seidl, Solimossy, Isopescul usw. Auch Georgi ist da. Er und
Hazay wollen noch immer an die Artillerieausgestaltung nicht recht
heran. Erfinden tausend Wenn und Aber. Ja, riskieren muß man
etwas, wenn man aus dem jetzigen unmögUchen Zustand heraus-
kommen will. Beide sind gewiß ausgezeichnete Administratoren.
Doch jetzt muß man mehr sein. Zumal in so kritischen Zeiten.
19. November. Beratung beim Kaiser. Anwesend: Berchtold,
Schemua, Bolfrasund ich. Also endlich! Doch auchda kein bestimm-
tes Programm. Es wird nur so herumdebattiert. Schemua entwickelt
die russischen und serbischen Maßnahmen und dringt auf Gegenmaß-
nahmen größeren Stils. Berchtold übt sich im Schweigen und in all-
gemeinen Sentenzen. Nach längerer Darlegung mache ich die Be-
merkung, daß seit 1866 wohl kein so schwerer Entschluß zu fassen
war. Der Kaiser nickt mit dem Kopf und antwortet: ,,Er ist noch
weitaus schwerer!" Es wird beschlossen, die nördlichen Grenzkorps,
I., VI., X., XI., auf erhöhten Stand zu setzen und etliche Kavallerie-
regimenter in den Aufmarschraum zu verlegen. Am Schluß der Be-
ratung urgiert der Kaiser Berchtold wegen des an den Zaren be-
stimmten Briefes. Schemua erhält Auftrag, zum deutschen Kaiser
und zu Moltke zu fahren. Erzählt mir aber nichts davon. Also der-
selbe Hintertreppenwitz, wie beim Memorandum Conrads. Diese Ge-
heimtuerei just gegen jene, die's wissen müßten, ist lächerlich mid
schlecht. Wir sollen doch alle ein und dasselbe Ziel vor Augen
halten!
Affäre Prohazka wird langsam komisch. Wird fortgesponnen und
ist doch zu nichts mehr nütze. Abends großer Rout beim Minister-
präsidenten. Sehr animiert und glänzend. Ein Herr umkreist mich
fortwährend mit kleinen Aufmerksamkeiten. Es ist Dr. Palyi, der
bei der Resolutionskampagne im März gegen mich am meisten ge-
gröhlt hat. Drollig und bezeichnend zugleich. Soll fraglos Ausdruck
des Erfolges sein. Dies meint auch C, der bei der Heimfahrt darüber
schwungvoll peroriert und ausruft: ,,Exzellenz haben eben auch
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918