Seite - 223 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Ich war starr. Jetzt inmitten ernster Kriegsvorbereitungen, nach-
dem ich vieles— vielleicht allzu vieles geschaffen, mich parlamen-
tarisch durchaus bewährt, die Zustimmung zu Ausgestaltungen ge-
wonnen, an die man vor JahresfristkaumimTraum gedacht hatte—
jetzt sollte ich urplötzlich meine Demission geben! War's da nicht
mit Sicherheit vorauszusehen, daß alle Welt die gewagtesten, aben-
teuerlichsten Kombinationen an diesen Rücktritt knüpfen würde?
Ich fragte den Thronfolger nach den Motiven, die mich zu diesem
Curtiussprung zwingen sollten, und die weder in mir, noch in den
äußern Verhältnissen liegen konnten. Darauf erhielt ich viele Worte,
doch keine Antwort. Ich sei vielfach angefeindet . . . auch von den
Ministern ... die Gunst des Kaisers hätte mir niemals gehört . . .
es gäbe einflußreiche Politiker, die fänden, daß ich zu optimistisch . . .
andere wieder, und zwar die Mehrzahl, daß ich zu pessimistisch und
pazifistisch gesinnt sei ... kurz und gut, der Erzherzog mußte für
mich so viele Lanzen brechen, daß ihm keine mehr zu brechen übrig
blieb.
Ich sah ein, daß ich vor einem fait accompli stand, dagegen ein
Kriegsminister nicht anzukämpfen vermochte. Jeder politische Mi-
nister brauchte sich unter normalen und wirklich konstitutionellen
Verhältnissen, auf sein Recht und seine Partei gestützt, nicht ohne
weiteres den Stuhl vor die Tür setzen zu lassen. Bei einem militä-
rischen Minister war aber dasDienstreglement dasoberste und, soweit
es der Krone paßte, auch das einzige Gesetz, an das er sich zu halten
hatte. Dessen war ich mir bewußt und schickte mich nach wenigen
Minuten an, zu gehen. Franz Ferdinand überfloß von Freundschafts-
versicherungen, wiederholte mehrmals, daß ihm diese Stunde die
peinlichste seines I>bens sei, daß auch er nur gehorche, und was es
an Süßigkeiten sonst noch gab.
Ich fuhr nach Hause, und damit uns gleich im ersten Moment die
Wonnen jäh gestürzter Größen zuteil würden, wohnten wir, meine
Frau und ich, einem Diner beim Bankgouvemeur Dr. Sieghart bei.
Wir hätten wohl absagen können, doch es gefiel uns, der Gesellschaft
sofort die Stime zu bieten. Dazu hatten wir vollauf Gelegenheit,
denn sie wußten es bereits alle! Stürgkh und Zaleski, Bienerth, der
Hausherr imd auch Conrad, dem es in diesem Momente natürlich
auch schon bekannt war,daß er durchVerdrängungSchemuas wieder
in die erste Linie rücken sollte.
Am folgenden Tage ging ich zunächst zu Bolfras. An solche Vor-
kommnisse gewöhnt, spielte er den vornehmen Leichenbitter mit
Würde, murmelte von Einflüssen meiner Ministerkollegen und fügte
,,wohlwollend" bei, daß ich mich ins Unvermeidliche ohne Eklat
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918