Seite - 226 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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parlamentarischen Stürmen zu trotzen, aber ich verstand es nicht,
mir die Fürstengunst zu erringen. Dies sollte mir erst zu großem,
später zu unermeßlichem persönlichen Nachteil, ja zum Unheile wer-
den. Doch das sachliche Moment, meine Errungenschaften und Lei-
stungen für den Staat, konnte es in keiner Weise beeinträchtigen
und auch meinen Nacken nicht beugen. —
Kapitel XII
Armeeinspektor
Bevor ich die nächste Epoche meines Lebens beschreibe, möchte
ich eine gedrängte Schilderung jener Persönhchkeit niederlegen, die
direkt und indirekt einen so tiefgreifenden Einfluß auf die Geschicke
des Staates, ja der ganzen Welt genommen hat: Erzherzog-Thron-
folger Franz Ferdinand.
Auch von ihm kann der Spruch gelten: ,,Von der Parteien Gunst
und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte!"
Hoffnungen vieler, ja ganzer Völkerschaften, rankten sich an ihm
empor. Doch auch Befürchtungen und Besorgnisse waren mit dem
Ausblick auf seine Herrschaft eng verknüpft. Und will man bei der
Wahrheit bleiben, so muß man sagen, daß die Schar der letzteren
weitaus überwog. Es war eher der ,,Haß" als die ,,Gunst", der diese
ragende Persönlichkeit besonders in der letzten Zeit umgab. Und
so unzweifelhaft es allen war, daß der Gang der Staatsmaschine ein
fühlbar matter und schwerfälliger geworden, und daß die Hand an
der Steuerkurbel kaum mehr die Kraft besaß, eine bestimmte Rich-
tung einzuhalten, gab es gleichwohl viele, die sich vor dem Wechsel
fürchteten. Nichtsdestowenigermußte aber jeder aufmerksame Beob-
achter, der Gelegenheit hatte, den Erzherzog zu studieren, zugeben,
daß Franz Ferdinand eine hochbedeutende Persönlichkeit war, die
sich von jeglicher Umgebung mächtig abgehoben hätte, auch wenn
man in ihm nicht den zukünftigen Anwärter der Krone erblickt hätte.
Des Thronfolgers Verstand und Wille waren weit über das Mittelmaß
entwickelt. In dieser Hinsicht reichte kein Mitglied der Dynastie
auch nur annähernd an ihn heran. Die Raschheit seiner Auffassung,
die Gewandtheit, des Wesens Kern zu erfassen, war oft stupend und
äußerte sich besonders dann, wenn seine persönlichen oder dynasti-
schen Interessen gestreift wurden. Leider fehlte ihm— man müßte
hinzufügen ,,in traditioneller Weise"— jene durchgreifende Bildung
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918