Seite - 227 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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des Charakters und Geistes, die vor einseitigem oder vorschnellem
Urteil bewahrt. Und wenn diese Eigenschaft für jeden regierenden
Fürsten als besonderer Schatz gilt, so bildete sie für den Beherrscher
Österreich-Ungarns eine Notwendigkeit. In diesem kompliziertenund
schwierigen Staatswesen kam es doch wiederholt vor, daß die hetero-
gensten Anschauungen ihre wirkliche oder scheinbare Berechtigung
hatten. Wessen Urteil sich da nicht auf breiter Basis aufbaute, der
tappte leicht daneben, und gerade ein kräftiger Wille, der,sich nicht
biegenläßt, konnte dieFolgen einer unrichtigenWahl ins ungemessene
und irreparable steigern.
Die große Eigenschaft eines Gebieters, ]\Ienschenkenntnis, war
Franz Ferdinand zweifelsohne eigen. Da er aber den Verkehr mit
Menschen eher mied denn suchte, hatte er eigentlich wenig Gelegen-
heit, sich darin zu üben und sich ein vergleichendes Urteil zu bilden.
Infolgedessen war er in der Auswahl entweder beengt oder auf offi-
zielle und nichtoffizielle Berichterstattung angewiesen. Letztere liebte
erleiderüber alleIMaßen. Dieserbrachte ein ausgedehntesNachrichten-
system, wofür er immer und überall genügend ,,Vertrauensmänner"
fand, deren Tätigkeit und Einfluß gänzlich unkontrolliert und un-
kontrollierbar waren. Es war wohl die größteSchattenseiteimWirken
Franz Ferdinands. Verleumdungen fanden auf diese Weise oft einen
üppigen Nährboden und bei dem Mißtrauen, das ihm, gleich wie den
meisten Mitgliedern seines Hauses, innewohnte, konnten wiederholt
die harmlosesten Vorkommnisse für einen oder den andern seiner
Erwählten verhängnisvoll werden.
Mit Lob und Anerkennung geizte Franz Ferdinand nie. Darin
konnte er sogar überschwenglich sein. Allerdings auch im Tadel.
Hierbei galten ihm Rang, Stand und Herkunft sehr wenig, und seine
leidenschaftliche Art wählte die Worte nicht gar zu sorgsam.
Der Thronfolger war erfüllt und getragen von seiner Mission. Der
eiserne Wille, Österreich-Ungarn in jeder Beziehung zu heben, es zu
einer wahren Großmacht zu gestalten, lebte in ihm. Und da für die
Durchführung aller darauf gerichteten Pläne politisch, militärisch und
kulturell eine einheitlich gestaltete, womöglich zentralisierte Mon-
archie unzweifelhaft das geeignetste Instrument gewesen wäre,
schwebte ihm eine solche als Ideal vor. Es liegt auf der Hand, daß
sich daraus ein Widerspruch zwischen seinen Ideen und jenen aller
Separatisten, speziell der ungarischenOhgarchen, ergeben mußte, und
man kann es sich schwer vorstellen, wie die Dinge sich entwickelt
hätten, wenn dieser willenskräftige Mann ans Ruder gelangt wäre
und sich den gleichfalls willensstarken und durch zahllose Siege ver-
wöhnten ungarischen Oligarchen gegenüberbefunden hätte. Kampf-
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918