Seite - 229 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Fragen angehört. In staatsrechtlichen Angelegenheiten wurde der
Rechtsgelehrte Dr. Lammasch, der nachmalige letzte Ministerpräsi-
dent des alten Österreich, zur Beratung gezogen; doch auch Tezner,
Bernatzik und 2olgcr wurden gehört und gelesen. Aber immer nur
solche, die auf das sorgsamste bedacht waren, die Gesetze der Ge-
meinsamkeit zu bewahren und besonders jeglichen ungarischen Ein-
griff zu vereiteln^). Dem konnte man wohl beistimmen, um so mehr,
da ein kraftvolles Auftreten nach außen hin nur bei strikterWahrung
der Gemeinsamkeit möglich war. Nur wäre es zweckmäßig gewesen,
auch die Ansicht jener zu hören, die anderer Anschauung waren.
In dieser Hinsicht umgab sich aber der Erzherzog mit unüberschreit-
baren Schranken. Er sprach fast niemals mit einer einflußreichen
ungarischen PersönUchkeit, und sein Aufenthalt in Ungarn dauerte
selten mehr als Tage oder Stunden. Es bereitete ihm ein völliges
Vergnügen, die ,,Sphinx vom Belvedere" genannt zu werden, und
speziell über die allerdings oft herostratischen Bestrebungen der Un-
garn in den Armeefragen konnte er nicht genug harte Worte finden.
Vom objektiven Standpunkt aus mußte man dies begreifen, doch war
es sehr zu bedauern, daß sich Franz Ferdinand keine Mühe gab, den
ungarischen Volkscharakter durch persönliche Anschauung kennen-
zulernen. Man konnte allerdings im politischen Verkehr mit Ungarn
nicht genug vorsichtig sein. Doch richtig gefaßt, waren sie auch
lenksam und als eine kraft- und temperamentvolle Nation auch
großer Leistungen fähig.
Wie Franz Ferdinand über Staatsverfassung im allgemeinen und
Konstitutionalismus im besonderen dachte, vermag ich authentisch
nicht anzugeben. Sehr viel Respekt dürfte er aber für staatsrecht-
liche Formen kaum gehegt haben, zumal gerade in jener Zeit deren
Auswüchse in schroffer, oft groteskerFormzurGeltungkamen. Doch
bin ich überzeugt, daß er ein Attentat auf den Konstitutionalismus
nie geplant hatte. Sein scharfer Verstand wäre da gewiß auf andere,
weniger drastische und im Gesetz begründete Aushilfsmittel gekom-
men. Leicht wäre ihm dies allerdings nicht geworden, weil sich bei
ihm kontroverse Anschauimgen und Wünsche kreuzten. So wäre
ihm z. B.—und wie erwähnt— das allgemeine Wahlrecht in Ungarn
1) Ähnlich hielt er's auch mit der eifrigbetriebenen Geschichte. Nursolche
Werke und Forscher galten, die einen spezifisch habsburgisch-österreichischen
xind— in den ReUgionskriegen— den katholischen Standpunkt favorisierten.
Charakteristisch ist die von ihm ergangene Bestellimg eines Tryptichons für
den Festsaal des neuen Kriegsministeriums. Das persönlich gegebene Motiv
des Mittelbüdes stellte den Einzug Tülys in Magdeburg dar. Im Gegensatz zu
der allgemeinen Auffassvmg, eine Szene der Milde imd Großmut seitens der
Sieger.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918