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jener Unterstützung zugewendet worden wäre, hätte ich meine Ziele
ungleich leichter zu erringen vermocht^). Doch mich ließ Franz
Ferdinand, von einer Ausnahme abgesehen (Verteidigung der Reser-
vatkronrechte), stets alles allein ausfechten.
Inwieweit Franz Ferdinand auf den jimgen Erzherzog Karl Franz
Josef einwirkte, kann ich nicht authentisch angeben. Aus manchen
Äußerungen mußte ich entnehmen, daß ein reger Verkehr zwischen
den beiden Prinzen nicht bestand, wie man überhaupt bis zur
Katastrophe vom 28. Juni an Karl Franz Josef nicht weiter gedacht
haben mochte und ihn seinen kleinen, rein militärischen Obliegen-
heiten überHeß.
In der äußern Politik hielt Franz Ferdinand zweifelsohne an dem
Bündnis mit Deutschland fest, namentlich in seinen letzten Lebens-
jahren, Allerdings war sein Lieblingsgedanke streng ,,inter pares",
wobei der älteren Dynastie ein gewisses Vorrecht einzuräumen ge-
wesen wäre. Diese Anschauung entsprang teilweise seiner aristokra-
tischen Denkungsart, nach der die Anciennität einen Machtfaktor
repräsentierte, teils dem Bewußtsein, daß die Habsburger einst die
Träger der deutschen Kaiserkrone gewesen waren.
Wer dem Erzherzog kriegerische Velleitäten oder hetzerische Ge-
danken zumutete, befand sich im Irrtum. Franz Ferdinand war eher
Pazifist denn Kriegstreiber und wich kriegerischen Eventuahtäten
selbst dann gerne aus, wenn die Chancen günstig standen, wie im
Winter 1908/09, Nebst den früher detaillierten sachlichen Motiven
lagen da unstreitig auch persönliche vor. Vorerst war der Thron-
folger sich bei seinem scharfen Urteil voll bewußt, daß ganz große
operative Verhältnisse ihm eigentlich nicht lagen, und daß er dabei
auf die Mitwirkung anderer mehr angewiesen sein würde, als es seiner
autokratischen Sinnesart gefallen konnte. Dazu trat sein körperliches
Befinden, das kein andauernd festes war, und nicht zuletzt war es
seine Gemahlin, die einen mächtigen Einfluß auf ihn ausübte
und einen etwa auftauchenden kriegerischen Schwung rasch einzu-
dämmen wußte. Bei der Herzogin von Hohenberg sprachen nebst
rein menschlichen Empfindungen auch solche pazifistischer und vor
allem rehgiöser Natur mit, wohl aber auch die Erwägung, daß ihre
schwierige angefeindete Position ausschließlich nur auf ihren Gemahl
und dessen Prestige aufgebaut war. Daher wollte sie jedes gefähr-
liche Experiment vermieden sehen.
^) Die Dreadnonglitdivision wiirde ähnlich wie meineMörserschaffung ohne
parlamentarische Bewilligung dem Bau übergeben. Doch vermochte es der
persönHche Einfluß des Thronfolgers, daß sich die Rothschildgruppe gewisser-
maßen als Bürge stellte,
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918