Seite - 232 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Bis zum Jahre 1912 war Franz Ferdinand der präsumtive Armee-
Oberkommandant. Dann entschloß er sich zu einer Änderung. Er
wollte sich im Ernstfall wohl die oberste Leitung vorbehalten, am
Hauptkriegsschauplatz selbst sollte aber ein anderer das Kommando
führen. Die Wahl war nicht leicht. Ein Erzherzog sollte es sein,
doch schätzte der Thronfolger die IMitglieder des kaiserlichen Hauses
äußerst gering ein. Erzherzog Eugen wäre am ehesten dazu prä-
destiniert gewesen, doch war er schon im Winter 1911/12 zurück-
getreten. Als Minister erlaubte ich mir damals die Vorstellung zu
machen, daß er seine Elraft der Armee nicht entziehen möge. Doch
Erzherzog Eugen schützte hartnäckig Krankheit vor, was— wie die
Erfahrung lehrte— nur ein Vorwand war. Persönliche Differenzen
mit dem Thronfolger dürften die wahre Ursache gewesen sein. So
wurde Erzherzog Friedrich für die Stelle des Armee-Oberkomman-
danten in Aussicht genommen, imd die großen Ereignisse brachten
es dann mit sich, daß ihm bei Ausbruch des Weltkrieges das Amt
eines obersten Befehlshabers aller Armeen anvertraut wurde, eine
Aufgabe, die seine schwachen Kräfte unendlich überstieg.
Unter den militärischen Vertrauensmännern nahmen die Chefs
seiner MiHtärkanzlei immer den ersten Platz ein, namentHch Oberst
Brosch und Oberst Dr. Bardolff. Wie schon erwähnt, war ersterer
der gute Geist des Erzherzogs. Franz Ferdinand bewahrte ihm
Freundschaft und Treue wie niemand anderem. In höherem Sinne,
wenn auch bei geringerer Intensität, genoß Conrad von Hötzendorf
das Vertrauen des Erzherzogs, wenigstens bis etwa ein Jahr vor
der Sarajewoer Katastrophe. Den strategischen Talenten Conrads
vertraute er auch weiterhin, doch machte sich dann ein persönlicher
Antagonismus geltend, imd das scharfe Auge Franz Ferdinands er-
faßte wohl, daß im innern Getriebe des Generalstabes nicht alles in
Ordnung sei. Die berüchtigte Affäre des Obersten Redl schlug dann
dem Faß den Boden aus. Der Thronfolger wollte damals Conrad
durch General Tersztyansky ersetzen, der mit seiner Schärfe und
Energie dem Generalstabe die so sehr abhanden gekommene Disziplin
gewiß auch wieder beigebracht hätte. Großes Vertrauen setzte Franz
Ferdinandin dieFührerfähigkeitenderGeneralePotiorekundBoroevid,
während er von den andern Armeeführern und Korpskommandanten
eigentHch nur Feldzeugmeister Baron Leithner imd General der
Infanterie Schemua einschätzte. Krobatin wertete er wenig. Da-
gegen schloß er im letzten Jahre General der Kavallerie Grafen Huyn
besonders ins Herz und hätte ihn auch unbedingtzum Kriegsminister
gemacht. Persönliche Gunst genoß auch General der Kavallerie Bru-
dermann, doch mehr seines einnehmenden Wesens wegen. Aber nie-
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918