Seite - 233 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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mand besaß vielleicht größeres Vertrauen als ich.— Allerdings nur
kurze Zeit, Ich erzählte, wie es zum jähen Auf- und Abstieg kam.
Hauptsächlich mochten wohl Verleumdungen meinen Sturz veranlaßt
haben, wo nicht die Fama am Ende doch das richtige traf, die da
behauptete, der Thronfolger hätte vom Kaiser besonders dringlich
erscheinende persönliche Konzessionen nur imter der Bedingung er-
halten, daß er mich fallen lasse, mich alsogewissermaßenalsOpfer aus-
spiele. Ich glaube es nicht, weil ich es nicht glauben will! In meine
mihtärischen, speziell Führerfähigkeiten verlor der Erzherzog das
Vertrauen niemals. Ich weiß es bestimmt, daß er noch lange nach
meiner Demission sich dezidiert in diesem Sinne äußerte. Wenn der
Erzherzog am Leben gebheben wäre, würde mir auch sicher niemals
das widerfahren sein, was man mir dann später antat. Zu solcher
Verleugnung der Grundsätze hatte er viel zu viel Sinn für das Prestige
der Armee. Überdies schätzte Franz Ferdinand alle jene PersönUch-
keiten, die mich in schwerstes Unglück hineinstoßen wollten, viel zu
gering, alsdaßerderenwahnwitzigenVorschlägenGehörgegebenhätte.
So erschaute ich das Bild des Erzherzogs in jenen Jahren, da ich
ihm nahestand. Ich übergehe hierbei Einzelheiten imd Schwächen,
besonders jene, die aus dem Einfluß resultierten, den die ehrgeizige
Herzogin von Hohenberg auf ihn nahm. Gegen mich, namentHch
aber gegen meine Frau, war die Gemahlin des Thronfolgers stets von
größter Liebenswürdigkeit. Von mir erhoffte sie anfänglich eine be-
sondere Einwirkung in kirchlicher Richtimg, der sie bis zur Deferenz
ergeben war. GelegentUch meiner Ernennung zum ^Minister äußerte
sie: „Jetzt haben wir endlich einen katholischen Minister!" Da ich
aber so gar lüchts von einem Zeloten an mir habe, fühlte sie sich ent-
täuscht, was sie bei aller Liebenswürdigkeit zu erkennen gab.
Es wird erzählt, daß der Erzherzog im letzten Jahre wiederholt
vöUige TobsuchtsanfäUe bekam— eine Folge schlummernder Krank-
heit. Ob es den Tatsachen entspricht, weiß ich nicht. In der Zeit,
da ich häufig bei ihm war, ereignete sich Ähnhches niemals. Wohl
ließ sich Franz Ferdinand oft durch sein Temperament hinreißen und
nahm kein Blatt vor den Mund, wenn es galt, sein Mißfallen zu
äußern. Doch pathologische Anzeichen merkte ich nie. Mir gegen-
über wnirde er ein einziges Mal heftig. Wir verhandelten wieder die
leidige Nationahtätenfrage. Da w^urde der Thronfolger ungeduldig,
stampfte mit dem Fuß und herrschte mich an: „Ja, verstehen Sie
mich denn noch immer nicht?", worauf ich ruhig entgegnete: „Ich
verstehe Eure kaiserliche Hoheit sehr wohl, aber ich bin nicht Ihrer
Meinung." Der Erzherzog besänftigte sich darauf, und die Konver-
sation ging in sachhchem Tone weiter.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918