Seite - 241 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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düng und die feldmäßigen Schießübungen vornahmen. Der Eindruck,
den die nordböhmischen Truppen— ganz gleich ob Tschechen oder
Deutsche— hervorriefen, war sehr günstig. Das Terrain des Übungs-
lagers war ideal. EigenartigmutetendarinzweiunbewohntekleineOrt-
schaften an, die für Übungszwecke bestehen blieben und baulich er-
halten wurden. Bei den feldmäßigen Schießübungen der Infanterie
spielten sie mit ihren zerschossenen Fenstern, Mauern und Umzäu-
nungen eine große Rolle. Wieviel Tausende, die dort geübt, schlafen
heute den ewigen Schlaf!
In diese Zeit fiel auch die häßliche Redl-Affäre. Der Oberst des
Generalstabes Redl, damals Generalstabschef des VIII. Korps in
Prag, vorher Souschef im Evidenzbüro des Generalstabes, wurde
jahrelang betriebener Spionage für Rußland überwiesen. Da er in
diesem Büro mit der Leitung der Konterspionage betraut war, so
konnte er auch in dieser Hinsicht seinen Auftraggebern große Dienste
leisten, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Schaden,
den er durch sein verbrecherisches Treiben verursachte, ein enormer
war. Anscheinend mit erstaunlicher Findigkeit fand der russische
Generalstab allePunkte heraus, dieinunserenoperativenKalküls eine
Rolle spielten, und garnierte sie mit Befestigungen. Dies verdankte
er wohl hauptsächlich Redls Umtrieben, weniger der eigenen scharf-
sinnigen Kombination. Noch betrüblicher war es aber, daß die Russen
durch Oberst Redl alle die für unsere Zwecke in Rußland tätigen
Konfidenten erfuhren, dieselben faßten und zu unrichtiger Bericht-
erstattung zwangen. Dies mag dazu beigetragen haben, daß unser
Kundschaftsdienst so schlecht funktionierte, und wir dann in kri-
tischster Zeit von Überraschimg zu Überraschung taumelten. Redl
wurde nach Wien gelockt und in einem Hotel zum Selbstmord ver-
anlaßt. Da überdies zu gleicher Zeit auch andere Spionagen bekannt
wurden, wobei der russische MÜitärattache, Oberst Zienkiewitsch,
und einige unserer irregeführten jungen Offiziere (Kriegsschüler)
beteiligt waren, stieg dieEmpörung sehr hoch. Der Thronfolger gab
seiner Entrüstung beredten Ausdruck. Es fanden auch einige
Personaländerimgen statt.
Eine erneute politische Hochspannung erfüllte jene Zeit: die
Herausgabe Skutaris seitens Montenegros. Am 4. Mai erschien die
Situation hochkritisch. Ich glaubte persönlich zwar nicht an den
Ernst der Sachlage, da ich es für ausgeschlossen hielt, daß wir uns
jetzt— nach Abschluß des Balkankrieges (erster Teil)— in unabseh-
bare kriegerische Verwicklungen begeben würden, nur damit Sku-
tari nicht etwa an uns, sondern an das embryonale Fürstentum Al-
banien falle. Diese Gewtterwolke verzog sich auch wirklich rasch.
16 Auifenberg i 241
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918