Seite - 247 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
Bild der Seite - 247 -
Text der Seite - 247 -
Ich meldete mich bei Franz Ferdinand, der die Konsequenzen aus
der gewordenen Situation zog und ohne Vorbehalt oder Nörgelei un-
eingeschränktes Lob auf mich herniederfließen ließ. Abgetönter war
die Gratulation der andern, besonders der Herren von der Kon-
kurrenz, also der Armeeinspektoren, namentlich vom General der
Infanterie Erzherzog Friedrich. Dagegen leuchteten die Augen jener,
die an meiner ,,Wiedergenesung" ein persönliches Interesse hatten,
auch bei einem oder dem andern, der mir im Herzen wohlwollte.
Entzückend war die Herzogin von Hohenberg mit ihrem warm-
gesprochenen Glückwunsch, und auch die Erzherzoginnen lächelten
holdselig dem Arrangeur solch netten Kotülons zu.
Wenngleich ich bei meiner ernsten Auffassung über die Bedeutung
militärischer Manöver meine eigenen Gedanken hatte, die mir dies-
mal fast ein kaustisches Lächeln abzwangen, wird man doch be-
greifen, daß ich Genugtuung empfand, freudigerStimmung war und
das Resultat meiner Familie telegraphisch mitteilte.
Am letzten Manövertag^) fand auf Entschluß des Thronfolgers
eine Übung gegen Markierung größten Stiles statt. Franz Ferdinand
führte selbst eineHeeresgruppe, allerdings nur vierInfanterie- imd ein
Kavalleriekorps stark, gegen einen durch zwei Divisionen markierten,
in fester Stellung befindlichen Gegner. Ich befehligte die linke Flügel-
armee. Dabei befand ich mich längere Zeit mit Franz Ferdinand auf
dem Kapellenberg, südlich Tabor. Es war das letztemal, daß der
Erzherzog in seinem Leben bei den Truppen weilte. Eine Moment-
aufnahme dieses immerhin historischen Augenblickes ist in meinem
Besitz.
Franz Ferdinand und all jene, die der Erwartung waren, bei jener
Übung ein besonders grandioses Schauspiel zu sehen, kamen nicht
auf ihreRechnung. Nur natürlich. Im wechselndenTerrain, dem sich
die gut ausgebildeten Truppen möglichst anzupassen bemühten, sah
man stets nur Teilabschnitte des Kampffeldes und auf diesem wieder
nur dünne Linien. Was sich weiter links imd rechts davon abspielte,
fiel für den Beobachter meist außer Betracht. Selbst der gewollte
Knalleffekt, der vom Grafen Hujm schneidig geführte Massenanfall
1) Am Vortag fand im Hauptquartier der Ubvmgsleitvmg ein heftiger per-
sönlicher Zusammenstoß zwischen dem Thronfolger und Conrad von Hötzen-
dorf statt. Oberst Brosch, der dem Manöver als Schiedsrichter beiwohnte,
wurde ins Hauptquartier gerufen, und vomehmHch seinem Einfluß ist es zu
danken, daß die Angelegenheit beigelegt wurde. Doch schon im Oktober
fand eine Wiederholimg des Auftrittes statt. Merkwürdigerweise in Leipzig,
gelegentlich der hundertjährigen Gedenkfeier der Völkerschlacht. Ich kenne
die Details nicht, glaube aber, daß die zunehmende Reizbarkeit des Erzherzogs
daran nicht ohne Schuld war. In diesem Falle mußte sogar der Kaiser persön-
lich intervenieren.
247
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918