Seite - 251 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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leien dachte ich an— gemischte Armeen. Ich lancierte diese Idee
in einem anonymen Artikel der „Zeit". In Deutschland wurde sie
prompt aufgenommen und in vielen Blättern fachlich erörtert. Es
gab verschiedene Ansichten, aber alle sprachen sich für die Lebens-
fähigkeit meiner Idee aus und betonten die damit verbundenen
großen militärischen und politischen Vorteile, denen die Entente
nichts Ähnliches entgegenzusetzen gehabt hätte. Bei uns in Öster-
reich war— insoweit nicht völlige Gleichgültigkeit Platz griff— das
Resultat ein gegenteiliges. Man könnte sagen, selbstverständlich!
Denn abgesehen davon, daß dies das Schicksal jedes neuen Gedankens
bei uns war, fürchtete man auch den vorherrschenden Einfluß der
Deutschen. So erhielt mein Artikel sofort einen halboffiziösen Gegen-
artikel, der den Gedankengang des Belvederes (Franz Ferdinand)
deutlich erkennen ließ. Damit war die Idee endgültig zu Grabe ge-
tragen. Und doch, viie nützlich wäre es— ein Jahr später— für
beide Teile gewesen. Auch diesmal, wie so oft: ,,Nemo propheta in
patria!"
Mehr Glück hatte ich mit einem zweiten Vorschlag, Ich beantragte
nämlich, daß wenigstens zur theoretischen Schulung wirklich großer
Verhältnisse etwas getan werden sollte, da bis nun selbst bei den
theoretischen Erörterungen der obersten Funktionäre sowie des Ge-
neralstabes stets nur Ideine Armeen von drei bis vier Korps als Basis
der Arbeiten genommen wurden. Der Thronfolger und der Chef des
Generalstabes stimmten mir zu, und Ende Februar 1914 kam ein
Kriegsspiel zustande, wobei beide Gegner Streitkräfte im modernen
Sinne zu verwenden hatten. Auf jeder Seite standen 5 Armeen mit
zusammen 50 Divisionen. Das Kriegsspiel behandelte den Elriegs-
fall: Deutschland und Österreich-Ungarn gegen Rußland. Die stra-
tegische Ausgangssituation war ähnlich, wie sie dann ein Jahr
später, im März und April 1915, tatsächlich eintrat. Ich führte
das Oberkommando über die vereinigten österreichisch-ungarischen
und deutschen Streitkräfte. Mein Gegner war Feldzeugmeister Baron
Leithner. Als Armeekommandanten fungierten unter meinem Kom-
mando Dankl, Giesl und Boroevic^ unter dem Kommando des Geg-
ners Böhm-ErmoUi, Tersztyansky, Kirchbach u. a.
Meine leitende Idee und die dementsprechende Gruppierung war
von Anfang an schon weit günstiger als jene meines Gegners, des
anerkannt ausgezeichneten Baron Leithner, der zu jener Zeit jedoch
schon von seinem schweren Leiden angekränkelt war. Ich setzte
die Schlacht als Flügelangriff im Sinne der schiefen Schlachtordnung
an. Sie begann in den ersten Morgenstunden, nachdem tags zuvor
die gegnerischen Vortruppen durch die meinen, die übermächtig auf-
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918