Seite - 252 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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traten, zurückgedrängt worden waren. Conrad, der eigentliche
Übungsleiter, besprach die weiteren Schlachtereignisse kursorisch an
der Hand der von beiden Oberkommandanten und ihren Unterfüh-
rern ausgegebenen Dispositionen und kam zu dem Schlüsse, daß die
Schlachtenkrisis in den ersten Nachmittagsstunden eingetreten sei
und mit dem Rückzug meines Gegners endigte. Diese Anschauung
über die Dauer einer modernen Schlacht erklärt vielleicht so manches
an dem kaum ein halbes Jahr danach entworfenen Plane der ersten
Weltkriegsoperationen. Sonst aber— dies sei hervorgehoben— war
die Leitung eine durchaus sachgemäße und zeugte von großer Be-
herrschung des Stoffes. Auch die technischen Leistungen der Gene-
ralstabsbüros waren ausgezeichnet, so daß die Schlußbesprechung,
daran sich auch der Thronfolger aktiv beteiligte, auf hohem Niveau
stand. Als Teilnehmer und Zuseher waren alle hohen Generale der
Monarchie geladen.
Am Abend des letzten Übungstages versammelte Franz Ferdinand
alle Generale zu einem großen Rout im Belvedere. An der Stelle,
von der aus— 5 Jahre früher— mein Schicksal einen so entschei-
denden Weg genommen hatte, sprach der Erzherzog mir erneut
seine vollste Anerkennung aus. Es war das letzte längere Gespräch,
in das er mich zog, und es war der letzte Empfang, denFranz Ferdi-
nand im Belvedere veranstaltete. Wer hätte damals daran gedacht ?
Tags darauf gab ich meinem engeren Stab ein kleines Frühstück,
bei dem in Abwesenheit meiner Frau meine Tochter Erika die Hon-
neurs machte. Die kleine Hausfrau war nicht wenig stolz darauf.
Dieses, in seiner Art neue Kriegsspiel, zu dem sich fast alle höheren
Generale der Monarchie zusammengefunden hatten, erregte all-
gemeine Aufmerksamkeitund wurde auch im Ausland besprochen. In
einem großen russischen Blatt wurde sogar von einem neuen, durch
General Auffenberg proponierten Angriffsverfahren gegen Rußland
gefaselt. Es ist übrigens nicht unmöglich, daß man dies damals dort
als aktuelle Kriegsvorsorge ansah, die es aber im Wesen ganz und
gar nicht war. Das sind eben unvermeidliche Nebenerscheinungen
des öffentlichen Lebens, die man mit in Kauf nehmen muß.—
Das gesellschaftliche Leben und Treiben war in jener Zeit ein
äußerst lebhaftes, geradezu rauschendes. Soireen, Routs, Bälle und
andere Veranstaltungen folgten einander. Es gab Wochen, in denen
man keinen Abend in normaler häuslicher Weise- verbrachte. Wir
beteüigten uns daran gerne, und auch bei uns vereinten sich die
Gesellschaftskreise häufig. An die winterlichen Vergnügungen reihten
sich dann die Frühlingsfeste an und die Turfereignisse mit ihrem
mannigfachen gesellschaftlichen Farbenspiel. Es war, als" ob alles
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918