Seite - 253 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
Bild der Seite - 253 -
Text der Seite - 253 -
noch einmal voll Lebensdurst und Lebenswonue aufatmen wollte,
bevor das große Leiden und Sterben beganni).
Es mag als Don Quichoterie gelten, aber ich konnt^ es mir auch
jetzt nicht versagen, an den laufenden militärischen und militär-
politischen Fragen einen lebhaften, manchmal sogar einen aktiven
Anteil zu nehmen. Dazu trieb mich in erster Linie meine wachsende
Überzeugung, daß wir alles Mögliche tun müßten, um für die durch
unsere Politik und die kontroversen Bestrebungen der Entente un-
ausweichlich gewordene Waffenentscheidung gerüstet zu sein. Die
Gewehr- und Haubitzenfrage beschäftigte mich fortwährend, und ich
lieh dieser mir so wichtig scheinenden Angelegenheit meinen nun
wieder erheblich gestiegenen Einfluß. Allerdings w'urden dann diese
Bestrebungen durch die einander überstürzenden Ereignisse überholt.
Gewohnheitsgemäß beobachtete ich aufmerksamst die Vorgänge in
den Nachbarländern, besonders in Rußland und Serbien. Es standen
mir der Hauptsache nach w^ohl nur die jedermann zugänglichen Be-
helfe und Nachrichten zu Gebote, doch ergaben sich aus dem Ver-
kehr mit Ausländern, den ich nochvon meiner Ministerzeit her pflegte,
somanche Anhaltspunkte, die ichdannmitmeinem verehrten Freimd,
Herrn von Tschirschky, besprach. All dies gewährte mir einen tiefen
Einblick in das Gefahr\^olle unserer Situation, und ich erkannte das
Bedrohliche der gegnerischen Vorkehrungen. Die Jahresquote von
216 Millionen Rubel, die sich z. B. das russische Kriegsministerium
für „Waffenübungen- und Probemobüisierungen" bewilligen ließ, im-
pressionierte mich sehr, desgleichen ein Ausrüstungskredit von
123 Millionen Dinars, der in Belgrad mit einer Gegenstimme glatt
bewilligt wurde. 123 Millionen in Serbien würden beüäufig andert-
halb Milliarden unsererseits entsprochen haben, wenn wir im gleichen
Maße gerüstet hätten^). Da jedoch unter den damaligen Verhält-
nissen ein diesbezüglicher offizieller Bericht nur die Registratur als
Ziel gefvmden hätte, zog ich es vor, einen Artikel in der ,,Neuen
^) Besonders das Preisreiten, Springen und Fahren gestaltete sich zu einem
ausgesprochen gesellschaftlichen Ereignis. Beim Preisreiten blieb wohl imsere
traditionell gute alte Schule obenauf. Doch beim Preisspringen nahmen uns
die Franzosen, namentlich aber die Italiener, alle ersten Preise weg. Sie waren
uns da weit über.
*) Später wurden aus dem Prozeß Suchomlinow die Daten bekannt, nach
denen zu jener Zeit in den Hauptstädten der Verbandsstaaten die ernstesten
Vereinbarvmgen getroffen worden waren. Auch der Dokumentenfund im ser-
bischen Kloster zu Krusevac erbrachte interessante Details, daraus zu ent-
nehmen war, daß just in jenen Tagen, die ich hier beschreibe, serbischerseits
eine Bestellung von 400000 Gewehren telegraphisch bewirkt wurde. Dies
alles beachteten aber bei tms die maßgebendsten Stellen gar nicht oder nur
wenig.
253
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918