Seite - 255 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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bis zum Frühjahr 1914 gelang. Der Besuch des Thronfolgerpaares
sollte nun die Krönung seines Gebäudes sein, wofür er auch in Wien
manch ehrgeizigen Interpreten und Mitarchitekten gefunden haben
iDochte. Franz Ferdinand ließ sich schließlich gewinnen, wohl auch
dadurch verlockt, daß er bei dieser Gelegenheit die Herzogin von
Hohenberg in die von ihr so sehr ersehnte dominierende Stellung
bringen konnte. Vielleicht liegt letzten Endes auch darin ein Teil
der tragischen Schuld. Knapp vor der Abfahrt von Chlumetz sollen
den Erzherzog noch schwere Bedenken überkommen und ihn zu
einer charakteristischen Äußerung veranlaßt haben, wobei er an seinen
fernen Freund Brosch dachte.
Die Sicherheitsvorkehrungen in Sarajewo waren wohl völlig imzu-
länglich, und der deutscheBotschafter äußerte im Gespräch darüber
treffend zu mir: ,,Wenn in irgendeinem Bahnhof ein Erzherzog durch
einenFliegenstichverletztwürde,müßte es derStationschefunterUm-
ständen sogar mitseinemPostenbüßen. Dochfür dieTreibjagd inden
Straßen vonSarajewokrümmtman niemandem einHaar!" Nicht ein
einziger Verantwortlicherwurde gesuchtnochgefunden. Dennmit der
späteren Justifizierung derAttentäter war doch wahrlich nichtsgetan.
Zweifellos machte sich nach dem Tode des Erzherzogs der Anta-
gonismus erst recht geltend, der in der engsten Umgebung des Kai-
sers, namentlich aber in der MÜitärkanzlei gegen ihn bestanden hatte.
So kam's auch, daß die Bestattung des Erzherzogs und seiner Ge-
mahlin mit einer kaum zu überbietenden Hast betrieben wurde. Am
28. Juni war derMord in Sarajewo geschehen, und schon am 3. Juli
konnte die Beisetzung in Artstetten erfolgen! Ein fanatisches Be-
streben herrschte, den toten Erzherzog baldmöglichst aus dem Kreis
seines früheren Wirkens und, wenn erreichbar, ausdem Gedächtnisse
seinerMitmenschen zu bringen. Auch die Konduktfeierlichkeiten er-
folgten so übereüt, bei gänzlichem Ausschluß jedes mÜitärischen
Gepränges imd mit so wenig Pietät, daß es lautes Mißfallen und
Ärgernis erregte, und jener Teil des Hochadels, der dem Dahin-
geschiedenen persönlich ergeben war, beinahe demonstrativ auftrat.
Ob diese geschmälerte Ehrung den Wünschen der Krone entsprach,
vermag ich nicht zu beurteÜen. Daß aber die obersten Hofchargen
daran mitwirkten, kann wohl keinem Zweifel imterliegen.
Zur Leichenfeier hatten sich erste Vertreter aller Höfe angesagt,
und nur die Eile, in der man sich überstürzte, verhinderte das Er-
scheinen der fremden Fürstlichkeiten. Einer unserer gewiegtesten
Diplomaten bezeichnete dies als ungeheuren Fehler oder als bereits
geplante kriegerische Allüre. Er argumentierte mit Berechtigimg,
daß gerade in diesem hochernsten Moment eine persönliche Aus-
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918