Seite - 258 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Ziel, Distanz, Schußanzahl usw.— ein. Einer der anwesenden höch-
sten Generale spöttelte ein wenig über diese Pedanterie, was ich zur
Veranlassung nahm, dies als mustergültig und stets nachahmenswert
zu bezeichnen, da nur in dieser Weise die bei den Übungen so sehr
vernachlässigte ArtÜleriewirkung zum Ausdruck gebracht werden
könne. Es war mir darum zu tun, bei jeglicher Gelegenheit dring-
lichst auf die leider erst während des Krieges erfolgte Erkenntnis
des notwendigen engen Zusammenwirkens der Infanterie und Artil-
lerie und der Bewertung der letzteren hinzuweisen.
Bei herrlichstemSommerwetter reiste ich dann durchs Salzkammer-
gutundPustertalnachToblach,und, Tiroldurchquerend,überdenJau-
fenpaß nach Meran und Bozen. Am Wege besuchte ich das ,,Sand-
wirtshaus" des Nationalhelden Andreas Hofer im Passeiertal. Um
alle seine Reliquien lag noch der Glanz und Ruhm der heroischen
Taten gebreitet, doch auch die Bitterkeit schwerster Enttäuschungen.
„Ade, du schnöde Welt, mir werden nicht einmal die Augen naß,
daß ich dich jetzt verlassen muß!" Dies waren die letzten Worte,
als er ,,zu Mantua in Banden" seinen letzten Weg beschritt.
In Bozen sammelten sich alle Teilnehmer der Generalsreise. Dar-
unter befand sich auch Erzherzog Josef Ferdinand. Zur Ausarbei-
tung und zum Vergleiche im Terrain gelangte die Annahme eines
Einbruches überlegener italienischer Kräfte von West und Süd.
Hierzu fuhren wir nach Spondinig und Trafoi, hochgelegene, welt-
berühmte Sommerstationen, die bezeichnenderweise in jenem Jahre
nur von ganz wenigen Ausländern besucht waren. Da kurz vorher
junge Kameraden der Tiroler Landesschützen von einer Lawine ver-
schüttet worden waren, gedachte ich ihrer mit einigen warmen Wor-
ten und legte einen Kranz auf ihr frisches Grab, mitten in der gran-
diosen Alpenwelt. Im Weltkriege war dann die Brigade der Landes-
schützen während des letzten Schlachttages von Rawa Ruska meiner
Armee zugeteÜt und focht tapfer am rechten Flügel. Doch jenes
Sumpf- und Sandterrain war nicht das Element der Gebirgssöhne.
Wie sehr hätte es mich dagegen befriedigt, wenn die Verhältnisse
es mir ermöglicht hätten, sie in ihrem Heimatlande oder über die
von ihnen so oft eräugte italienische Grenze zum Siege zu führen!
Vom Ortler fuhren wir über Trafoi und Bozen in die Gegend von
Fucinezum Tonalepaß, wo ein Großkampfim Gebirge erörtert wurde.
Dann stiegen wir auf die PressaneUa uud übersetzten den 3000m
hohen Passo Paradiso,— eine scharfe Tour, fast die größte Gebirgs-
tour, die ich je absolvierte. Ich freute mich, daß sie mir in meinem
63. Lebensjahr so gut gelang. Wir versäumten uns am Tonale, so
daß es Mittag war, als wir die eigentlichen Schneefelder passierten.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918