Seite - 263 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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In jenen denkwürdigen Tagen spielte sich das Leben hauptsächlich
auf der Straße, in den Restaurants und Cafes ab. Dort erfuhr man
die neuesten wahren und unwahren Nachrichten. Dort trafen sich
alleBekannten zumehroderwenigergeistreichemGedankenaustausch.
Und dort konnte man noch am ehesten der eigenen Unruhe Herr
werden, vielmehr sie übertäuben. Am Abend fand man sich in den
großen Gartenrestaurants, im Volks- oder Konzerthausgarten zu-
sammen, wo allabendlich die österreichische und deutsche Volks-
hymne, doch auch die Marcia Reale gespielt wurden. Alles erhob
sich in weihevoller Stimmung. Immerhin gab es auch einzelne im-
botmäßige Elemente, die nicht aufstehen wollten imd die sich unter
Androhimgen entfernen mußten. Ich glaube, in Belgrad hätte man
sie kurzerhand erschlagen oder mindestens verprügelt.
Am 31. Juli wurde die allgemeine Mobilisierung mit dem 4. August
als erstem Mobümachungstag verlautbart. Natürlich war jetzt die
Aufregung im ganzen Volke und namentlich in allen verantwortlichen
Kreisen zur Siedehitze gestiegen. Und da trat— jeder Objektive
mußte es zugestehen— eine Einmütigkeit des Volkswillens und der
Volkseinsicht zutage, wie man sie erfreulicher nicht wünschen imd
wie sie die kühnstenTräumekaum erhoffen konnten. Alle trennenden
Wände, alle scheidendenGegensätze fielen, und alles war einig inder
unbedingten äußersten Abwehr des gewaltsamen Angriffes, der als
schwere Ungerechtigkeit und gröblichster Schimpf angesehen wurde.
Was der gemordete Thronfolger im Leben kaum erreicht hätte, er-
reichte er durch seinenTod ! Und diese Erregung, diesesAufschäumen
des Rechtsgefühles war weder erkünstelt noch flüchtig, sondern ging
vom Grunde der Mülionen Herzen aus, die in ihren heüigsten Ge-
fühlen getroffen waren. Daß unter den Rosen auch Schlangen ver-
borgen waren, daß in beträchtlichen Teilen des Reiches V^errat und
Spionage lauerten, wußte man damals noch nicht, vielmehr man be-
achtete es nicht. Ebenso wenig dachte man an all die namenlosen
Fehler und Verkehrtheiten der innern Politik, die so viel Unheil
gesät hatten. Man fühlte es nicht, oder wollte es nicht fühlen, daß der
Zahltaggekommen sei. Erstspätersickerte dieseErkenntnis allmählich
und höchst unvollständig in manchen der führenden Köpfe durch.
Den Massen aber, die nur das Nächstliegende sehen und begreifen,
blieb sie noch lange fern. Nichtsdestoweniger waren jene Juli- und
Augusttage eine patriotische Hypnose ohnegleichen. Man sah in den
Zentren und in weiten Teüen des Reiches eine Bewegtmg, wie sie
in diesem Staate noch nie jemand gesehen hatte. Wer dies jetzt
anders darstellen wollte, spräche bewußt oder unbewußt die Un-
wahrheit.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918