Seite - 271 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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günstiger, teilweise sogar ein sehrgünstiger. Durch bestenGeistzeich-
neten sich durchwegs die deutschen Regimenter aus, durch Stramm-
heit und adrettes Verhalten die Mannschaft der Honvedregimenter.
Der Eindruck der Offizierskorpsi), namentlich was die Zahl der
Berufsoffiziere anlangte, ließ immerhin einen leichten Zweifel auf-
steigen, ob sie in der Lage sein \\äirden, die mit so wenig präsenter
Mannschaft gefüllten Infanteriekompagnien zu opfervollsten Lei-
stungen zu bringen. Und zur Ehre der alten Armee sei gesagt, daß
just darin die einzige wirklich angenehme und positive Überraschung
der ersten Kriegsereignisse zu finden war. Ich selbst— einer der
aufmerksamsten Beobachter der Armee— hätte nie geglaubt, daß
unsere stets drangsalierte, demütige Infanterie, das Aschenbrödel des
Heeres und des Staates, von jedermann schief angesehen, bar jeder
sozialen Geltung, alle anderen Waffen überragen würde. Sie war es,
die im Anfange die Feldschlachten nahezu allein schlug, denn die
Artillerie erwies sich vom ersten Gange an der russischen und selbst
der serbischen Artillerie gegenüber inferior. Die Motive hierfür sind
aus den früherenKapiteln (IX bis XI) detailliert zu entnehmen. Auch
die Kavallerie konnte sich nicht entfalten, wofür man sie allerdings
nicht verantwortlich machen kann. Schließlich trug sie doch nicht
die Schuld, daß man sie nach Ausrüstung, Bekleidung und Ausbil-
dung rückständig beließ. Doch wo ihr die russische Kavallerie den
Gefallen tat, auf eine Attacke alten Stiles in größeren Verhältnissen
einzugehen, kam der altritterliche Geist unserer Kavallerie zur Gel-
tung,und sie siegte fast ausnahmslos. Diesen Gefallen taten die Russen
aber äußerst selten. Dort, trotzdem, zählte die österreichisch-unga-
rische Kavallerie ohne viele Gefechte und Gefechtsverluste nach
einer etwa achtwöchigen Kampagne kaum ein Drittel des ursprüng-
lichen Gefechtsstandes. In der ersten Phase des Krieges bildete den
Höhepunkt der kavalleristischen Leistungen das dreitägige Feuerge-
fecht zu Fuß der 4.und 6. Kavallerietruppendivision in der Schlacht
beiRawa Ruska, wovon ich noch berichten werde.
Wie im gesamten Heere, so wies auch die Bewaffmmg und Aus-
rüstung der 4. Armee große Rückständigkeiten auf. Die Bewaffnung
der Infanterie, das Gewehr, war zwar noch kriegsbrauchbar, immer-
hin aber schon 30 Jahre alt. In zwei verschiedenen Typen— Mo-
dell 1888/90 und 1895— vorhanden, relativ großkalibrig und ohne
^) In meinem bei Ullstein & Co. edierten Werke: ,,Aus Österreich-Ungarns
TeilnahmeamWeltkriege ' 'findetsich eineAbhandlmigüber ,,Derösterreichisch-
ungarische Offizier im \\'eltkriege". Ursprünghch unmittelbar nach Eintritt
der Katastrophe verfaßt und auch als Abschiedswort an die deutschen Kame-
raden gedacht, soll sie— als besonders charakteristisch— auch hier (als Bei-
lage 4) Aufnahme finden. Beilage 4
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918