Seite - 274 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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daran trug der politisch-militärische Irrtum, in dem man sich an-,
fänglich über die Mitwirkimg imd die Bereitschaft Rußlands befand,
und der Österreich-Ungarn eine Zeitlang des Glaubens sein ließ, der
Waffengang würde vorerst mit Serbien allein ausgetragen werden
können. Dieser Irrtum zeitigte die beklagenswertesten Folgen. Und
wenn Moltke schon vor mehr als 40 Jahren einen richtigen Aufmarsch
als Grundstock des Erfolges und in dieser Hinsicht begangene Fehler
als kaum mehr verbesserungsfähig erklärt hatte, so war diese Wahr-
heit seither nur noch herrschender geworden. Die Anordnungen un-
serer Heeresleitung wurden auch vonMaßgebenden undFachmännern
nicht oder nur dahin verstanden, daß eben politische Rücksichten
die erste Grundgruppierung beeinflußten. Denn schließlich konnte
vom 28. Juli an— also bevor noch irgendwelche Aufmarschtrans-
porte begonnen hatten— kein Zweifel mehr obwalten, daß Rußland
mit seiner ganzen Macht am Kriege teilnehmen würde. Da dachte
man wohl allgemein an die einfachste Lösung, Serbien sofort als
relativ untergeordneten Nebenkriegsschauplatz zu betrachten und
alle verfügbaren Kräfte auf den Hauptkriegsschauplatz im Norden
zu konzentrieren. Um so mehr, da es ein öffentlichesGeheimnis war,
daß Deutschland nahezu seine ganze Kraft zunächst nach dem Westen
werfen und nur verhältnismäßig untergeordnete Kräfte im Osten be-
lassen würde. Eine Annahme, die dann durch die Tatsachen vollauf
bestätigt wurde.
Nicht ohne Besorgnis sah man daher die Konzentrierung so be-
deutender Kräfte an der Drina—Save. Später, besonders nach dem
Kriege, war man bestrebt, diese Maßnahme als beabsichtigte Demon-
stration hinzustellen, wofür die sofortige Versetzung der 2. Armee
vom serbischen auf den galizischen Kriegsschauplatz den Beweis
hätte liefern sollen. Dem muß jedoch entgegengehalten werden, daß
die dabei erforderliche hypertrophe Ausnützung unseres ohnedies
ungenügend gewesenen rollenden Bahnmaterials sich schwer hätte
verantworten lassen. Tatsächlich langte auch die 2. Armeeam oberen
Kriegsschauplatz erst in einem Momente an, als sich bereits einige
recht unliebsame Vorfälle ereignet hatten. Und sie traf mit schon
teilweise geschwächten Kräften ein, da das IV. Korps in die ver-
lustreichen Kämpfe von Sabac hereingezogen worden war.
Der Aufmarsch der gegen Rußland bestimmten Streitkräfte er-
Texiskime 1 folgte in jene Räume, die aus der Textskizze i auf Seite275 ersichtlich
sind. Er ging plangemäß vor sich, und dieRussen versuchten weder
die Mobilisierung, noch den Aufmarsch zu behindern.
Die berüchtigten Raids, an die man wie an etwas Unabwendbares
geglaubt hatte, blieben in den Anfangsstadien gänzlich aus. Erst
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918