Seite - 277 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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später erfolgte der Einbrucli einer starken Kavalleriekolonne über
Sokal mit der Direktion Jaworow. Er richtete aber nur geringen
Schaden an und brach unter den Schlägen unserer 2. Kavallerie-
truppendivision vollständig zusammen. Warum die Russen die von
uns seit Dezennien so befürchtete Maßnahme des vorzeitigen Ein-
bruches, zwecks Störung der Mobilisierung und des Aufmarsches,
unterließen, wurde bis jetzt noch nicht ergründet. Es ist um so
weniger zu verstehen, als sie sonst alle Vorbereitungen dazu getroffen
hatten, in erster Linie die Unterwühlung der Bevölkerung^). Wir
mußten dartmter sehr leiden. Wo immer wir fochten, waren wir im
Feindesland, von Verrat und Spionage umlauert.
Durch Vermeidung der Raids konnten die Russen allerdings ihre
Kavallerie sorgfältigst schonen, im Gegensatz zu uns, davon ich noch
später erzählen will. Anderseits ließen sie dadurch große Erfolge aus
der Hand, die bei ihrer bedeutenden Überzahl an Kavallerie leicht
zu erreichen gewesen wären.
Die Wahl des Aufmarschraumes trug, meiner Anschauung nach,
den Verhältnissen, wie sie sich einmal gestaltet hatten, vollauf Rech-
nung. Wollte oder durfte man aus irgendwelchen politischen Grün-
den die Abrechnung mit Serbien nicht vertagen, konnte man dem-
nach nur einen Teil der Hauptkraft im Norden verwenden, so blieb
wohl nichts anderes übrig, als— allen bisherigen Vorbereitungen ent-
gegen— den Aufmarschraum zurück, also an den San zu verlegen.
Ob man in dem Momente, als der gewiß schwere Entschluß gefaßt
worden war, schon von der frühen Kriegsbereitschaft Rußlands
Kenntnis gehabt hatte, ist mir nicht bekannt, doch glaube ich, es
verneinen zu können, da sich dies weder mit den später erfolgten Mit-
teilungen, noch mit den Maßnahmen des Armeeoberkommandos in
Übereinstimmung bringen läßt. Man gab also bewußt und geplant
Ostgalizien auf, um den Aufmarsch vollkommen gesichert zu bewir-
ken, eventuell im gewählten Räume zu verweilen. Ja, selbst einen
Defensivkampf hätte man unternehmen können, um das Nachrücken
der vom südlichen Kriegsschauplatz allmählich eintreffenden Ver-
stärkungen abzuwarten und dann, mit ihnen vereint, in dieOffensive
zu treten. Diese operative Idee wäre nur zu billigen gewesen, doch
hätte man dann auch konsequent dabei bleiben müssen und all jene
technischen Vorkehrungen treffen sollen, die ein rasches Vorbrechen
1) Durch einen bekannten ruthenischen Abgeordneten verschaffte ich niir
gleich bei Kriegsbeginn ein Verzeichnis aller russophilen Ortschaften. Danach
ließ ich eine Karte anlegen, darauf alle diese Orte bezeichnet waren. Der Weg,
den die eingebrochene russischeKavallerietruppendivision nahm, ging in einer
Bogenzone darüber hin. Ein Zeichen der genauen Evidenz und verständnis-
vollen Verwertung des Aufwieglungsresultates.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918