Seite - 278 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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in breiter Front und ein eventuelles Manövrieren gestattet und ge-
fördert haben würden. Hierzu wäre aber nebst den San-Brücken-
köpfen bei Jaroslau und Sieniawa sowie der Lagerfestung Przemysl,
noch ein Brückenkopf in der Gegend von Ulanow und, sobald es
durch das Fortschreiten der Gruppe General der Kavallerie Kummer
möglich geworden wäre, ein Weichsel-Brückenkopf bei Sandomierz
oder Tarnobrzeg zu schaffen gewesen—natürlich mit fixer Besatzung
versehen. Dies war aber— wie wir sehen werden— leider nicht
einmal bei Sieniawa und Jaroslau genügend der Fall.
Meine weiteren Ausführungen werden dem Wesen nach nur die
4. Armee betreffen. Erstens will ich hier nur meine Erlebnisse schü-
dern und zweitens wurden wir— wie schon erwähnt— über alles
das, was bei den anderen Armeen, selbst bei den Nachbararmeen
vorging, nur in homöopathischer Weise informiert. Erst von dem
Momente an, als die Funkenstationen bei den Armeekommanden
etabliert wurden, besserte sich die Sache.
Das Eintreffen im Aufmarschraum vollzog sich zwar plangemäß,
doch nicht ohne Verzögerung.
Über den Gegner erfuhr man bis zum 11. August, daß seine kolos-
salen Transporte auf allen Linien liefen und daß er die Grenzrayons
zu räumen scheine. (?) Dadurch entstand die vielfach ventilierte
Frage, ob der Gegner nicht etwa den sogenannten ,,Kuropatkinschen
Kriegsplan" angenommen habe, der darin bestand, unter Umständen
bis hinter die Dniepr- und Narewlinie zurückzugehen, dortselbst alle
Teüe der Armee, einschließlich der asiatischen Korps, zu vereinen
und dann erst zur Offensive zu schreiten. Es wird sich jedoch
zeigen, daß die gesamte russische Armee zur Verwendung gelangte,
ohne daß sie deswegen hinter die genannten Linien zurückzugehen
brauchte.
In den folgenden Tagen verdichteten sich die Nachrichten, daß
zwischen Bug-Weichsel sehr starke Kräfte versammelt werden, daß
das russische operierende höchste Kommando— Großfürst Nikolai
Nikolajevid— seinen Sitz in Lukow nehmen würde, daß in Podolien
und Wolhynien wohl starke, doch nicht überstarke Kräfte den Auf-
marsch bewirken und schließlich, daß Polen geräumt würde, wovon
letzteres verläßlich sichergestellt war. Überdies hoffte man auf die
Wirkung der vom eigenen Armee -Oberkommando gezeichneten
Proklamation an die polnische Nation, desgleichen auf die wieder-
holt prophezeite Erhebung der Ukrainer. Letztere blieb wohl
gänzlich aus, was in Anbetracht der in der Ukraine versammelten
Kräfte allerdings nur begreiflich war. Die Proklamation aber hatte
kaum mehr als einen Achtungserfolg. Mit arrangierten Revolu-
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918