Seite - 316 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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linie des Gegners nach wie vor gesperrt geblieben, da man die Front
nach Süden beibehalten hätte, die man doch mit so viel Mühe er-
zielt hatte. Im zweiten, leider zur Ausführung gekommenen Fall gab
man aber dem Gegner den Rücken frei und verzichtete freiwillig auf
die bereits eingeleitete Deroutierung des Gegners.
Nicht minder unbegreiflich, ja vielleicht noch viel unbegreiflicher
war aber das Verhalten der 9. Kavallerietruppendivision. 6km von
ihr entfernt bedrängte eine Kosakendivision den linken Flügel, so-
gar den Rücken einer eigenen höchst wichtigen und erfolgreich kämp-
fenden Gefechtsgruppe. Und die österreichisch-ungarische Kavalle-
riedivision wußte dem in keiner Weise zu begegnen und hielt un-
entwegt hinter der Mitte der Infanterielinie! Wie nützlich und
notwendig wäre da ein richtiges Erkennen und ein eiserner
Wille am Platze gewesen! Die Rückschwenkung der Gruppe Peter
Ferdinand war um so bedauerlicher, als in jenemMomente (Morgen-
stunden des 31. August) die 15. Infanterietruppendivision ihren
erfolgreichen, aus südlicher Richtung angesetzten Stoß bereits
durchgeführt hatte, so daß sehr starke feindliche Kräfte auf engem
Raum zusammengedrängt standen und ihnen jegliche Bewegungs-
möglichkeit genommen war.
So kam's, daß die Früchte einer wohldurchdachten und konsequent
durchgeführten Operation nicht voll reifen konnten, und daß der ge-
schlagene Feind seinen Rückzug nur wenig belästigt ausführte. Es
war ein nicht wieder gut zu machendes Versäumnis. Grundbedingung
und Gelegenheit für einen wahrhaft durchschlagenden Erfolg waren
die besten. Und wie selten ergibt es sich, wie hier, daß man einen
gleich starken Gegnerim offenen Felde vollständig niederwerfen kann.
An der mittleren Führung lag's nun, die letzten Konsequenzen zu
ziehen. Welch Verhängnis, daß gerade an dieser Stelle ein so großer
taktischer Fehler begangen wurde. Fehlerkommen schließlich immer
und überall vor. Mitten in der Schlachtfront verlieren sie aber an
Bedeutung, lassen sich oft auch wieder gut machen. In diesem Falle
aber und in diesem eminent entscheidenden Raum waren die Folgen
von größter Tragweite. Ich spreche es unumwunden aus, daß bei
strammer konsequenter Ausführung der vom Armeekommando er-
gangenen Aufträge nicht nur der taktische Waffenerfolg der Schlacht
sich bis zum Niederbruch des Gegners gesteigert hätte, sondern daß
in weiterer Folge selbst das Resultat des ersten Feldzuges wahr-
scheinlich ein anderes geworden wäre.
Damals schwebten mir naturgemäß die Folgen der geschilderten
Abschwenkung noch nicht so klar vor Augen, um so weniger, da ich
noch nicht alle Einzelheiten kannte. Doch kein Zweifel herrschte bei
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918