Seite - 344 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
Bild der Seite - 344 -
Text der Seite - 344 -
für die 3. und 2. Armee die defensive Aufgabe ergeben, wie sie ur-
sprünglich tatsächlichvom Armeeoberkommando angeordnet worden
war. Um taktisch offensiv vorzugehen, wird man doch nicht einen
Raum aussuchen, in dem eine große Angriffsgruppe sich vorerst in
schmale und tiefe Kolonnen teilen und ein Hindernis passieren muß,
um an den Gegner heranzukommen.
Mag man's drehen und wenden, wie man will, der ursprünglich gar
nicht beabsichtigte Angriff mit starkem, entscheidendem Südflügel
bot weder strategische noch taktische Vorteile und wurde nur ge-
wählt, da eine andere Wahl einfach nicht mehr übrig blieb. Links
ging's nicht, so versuchte man es eben rechts, da man sich's einmal
in den Kopf gesetzt hatte, eine Schlacht zu riskieren. Man wollte
eben mit der Befreiung Lembergs^) vor der Öffentlichkeit paradieren.
Andererseits wollteman die Scharten auswetzen, die eine wenig glück-
liche Führung sich östlich Lemberg geholt hatte.
In derTextskizze 8, Seite 347 ist eine schematischeDarstellung der
Operationen der 4. Armee zwischen dem 2. bis etwa 15. September
1914 gegeben. Daraus ist zu entnehmen, daß die 4. Armee zuerst
eine Schwenkung von 180 Grad, im Anschluß daran eine solche von
90 Grad ausführen und sodann eine sechstägige Sclilacht schlagen
mußte. Und besieht man's logisch, kommt man zu dem Schlüsse,
daß im Momente, da die 4. Armee sich zu einer Frontalschlacht
stellen mußte, auch schon der Stab über die ganze Operation, die
zur Schlacht von Grodek führte, gebrochen war. Konnte man keine
Sclilacht liefern, in der die 4. Armee mit einem großen Flankenstoß
einsetzte, war eine solche im Räume von Grodek überhaupt nicht
mehr zu schlagen. Und nur wenn das Armeeoberkommando den
Nachweis hätte erbringen können, daß der Rückzug der I.Armee
ein übereilter war, daß dieseArmee also in der Zeitvom 2. bis 12. Sep-
tember nicht das tat, was man berechtigterweise von ihr zu erwarten
hatte, wäre jene oberste Kommandobehörde teilweise exkulpiert ge-
wesen, indem sie hätte sagen können, daß einer der namhaften Un-
terführer den Anforderungen nicht entsprochen hatte. Davon war
aber in jenen Tagen niemals die Rede. Im Gegenteil, die Operationen
der I, Armee wurden als gänzlich einwandfrei erklärt. Somit fällt
aber das Odium der ungenügend basierten Schlacht auf das
Armeeoberkommando zurück.2)
^) Am 5. imd 6. Septemberwar inWiendasgemgeglaubteGerücht verbreitet,
ich hätte Lemberg entsetzt. Eine Erzherzogin rief sogar aus offenem Wagen
dem Volke zu: ,,Betet vmd danket Gott, Lemberg ist entsetzt!" Als man die
Wahrheit erfuhr, wendete sich dann der Ärger des Hofes just gegen mich.
2) Im Gefühl, daß im operativen Konzept große ISIißgriffe Platz gegriffen
hätten, wxirde schon 191 5 in verschiedenen offiziösen Emanationen das Motiv
344
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918