Seite - 396 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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als ich Anno 70 in jener Gegend meine Mappierungsübung als Neu-
städterAkademikerabsolviert hatte. Langsam dahinfahrend, erkannte
ich noch die Punkte, von wo aus ich gepeilt und mich mit den An-
fängen der Terrainaufnahme vertraut gemacht hatte. Auch sonst
ließ mir mein treues Gedächtnis all die Erinnerungen von einst er-
stehen, meine ganze Lebensbahn mit ihren verschlungenen Zykloiden.
Kurze Rast hielten wir noch am Bahnhof von Gänserndorf. Als
ich im Jahre 1878 als Brigade-Generalstabsoffizier zur mobilisierten
61. Infanteriebrigade stoßen sollte, hatte ich in diesem Bahnhof den
nach Budapest abgehenden Zug erwartet und die ersten aus Bosnien
zurückgekehrten Verwundeten gesehen. Auch jetzt war dort eine
Labestation etabliert, und diensteifrige Pflegerinnen und Labe-
schwestern eilten aufund ab, guckten mich auch neugierig an, als sie
bald heraus hatten, wer der General war.
Und dann kam das letzte Stück Weges. Ich legte es in einer kaum
zu beherrschenden Nervosität zurück. Die Aussicht, mit den Meinen
bald wieder vereint zu sein, war mir Freude und Trost. Doch daß
ich just so zurückkehren mußte, als Sieger über den Feind in gewal-
tiger Schlacht und doch als Besiegter durch— nun sagen wir— das
Geschick! Das Gefühl, daß meine Karriere, vor allem aber mein
Schaffensdrang, inmitten dieser großen gewaltigen Zeit ein jähes und
völlig unverständliches Ende gefunden hatte, ließ meine feinsten
Nervenstränge vibrieren. Auch mein Begleiter, Fongarolli, war
schweigsam" und in sich gekehrt.
Abend war's. Wir passierten die Gürtelwerke des feldmäßigen
Brückenkopfes, schwache Linien, die einem eventuellen ernsten An-
sturm des Feindes hätten widerstehen sollen! Endlich die Donau-
brücke. Ein Jahr vorher hatte ich sie nach Tabor in freudiger Stim-
mung überquert, heute nach Komarow mit tief gekränktem Herzen
Jetzt die leuchtenden Häuserzeilen Wiens. Und dann, mein telegra-
phischabgegebenesAvisogenaueinhaltend,warichum7UhrzuHause.
Weib und Kind kamen mir freudig und herzlichst entgegen. Am
häuslichen Herd fand ich meinen liebevoll gehegten Platz, und das
friedliche, freundlicheHeim ließ mich, wenigstens für den Moment,
das tiefe Weh vergessen, das neidische, übelwollende und intrigante
Menschen mir bereitet hatten. Zu meinem Glück konnte ich nicht
in meine nahe Zukunft blicken.
. . .
In mein Tagebuch aber schrieb ich damals: „7 Uhr daheim. Ju-
belnder Empfang, der mich alles Leid und alle Kränkung vor-
erst vergessen läßt. Teresina und Erika sind die beiden besten Men-
schen auf der Welt! Das kann mich für vieles entschädigen!"
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918