Seite - 408 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Kulminationspunkt des alten österreichischen Prinzips: das Persön-
liche über das Sachliche zu stellen. Natürlich handelte die Zensur
hierbei „über höheren Auftrag", fand aber in ihrem obersten Chef,
Feldzeugmeister von Schleyer, ein geradezu ideales Werkzeug. Die
edle Bestrebung, meine Leistungen auszutügen oder— wo es anders
nicht ging— meinen Namen auszulöschen, nahm in dem j\Iaße zu,
als die Verfolgungen gegen mich wuchsen. Hierzu wurden auch die
zivilen amtlichen Kreise herangezogen. So erschien beispielsweise im
Herbst 1915 ein Lesebuch für Volksschulen, darin besonders tapfere
Kriegstaten geschildert wurden, darunter auch der Heldentod des
Obersten von Rayl in der Schlacht bei Komaröw. Im ursprüng-
lichen Entwurf war der Name des Führers der Schlacht genannt.
Doch die schulbehördliche Obrigkeit ließ in serviler Untertänigkeit
den Namen ,,Auffenberg" streichen. Als hätte die Schlacht ein un-
bekannter Geist, der über den Wassern schwebt, geleitet! —
Auch den braven Generalmajor von Sterz, der bei Komaröw eine
Brigade des VI. Korps gut und tapfer geführt hatte, fand ich am
Semmering, wo er Erholung von der hierbei erhaltenen Verwundung
anstrebte. Und unter meinen zahlreichen Besuchern befand sich auch
die Frau meines armen Freundes Brosch. Sie hoffte von mir Näheres
über ihren, seit dem Nachtgefecht von Hujcze verschollenen I\Iann
zu erfahren. Leider war ich nicht wissender als die Beklagenswerte.—
(Ein Spiel des Zufalls wollte es dann, daß am 10. März 1916 eine
Karte des Obersten an seinen Schwiegervater gelangte. Im ersten
Moment heller Jubel. Dann sah man aber das Absendungsdatum:
1. September 1914! In der Karte stand bezeichnenderweise: ,,Morgen,
2. September — Sedantag! Hoffentlich bereiten auch wdr morgen
miserm Gegner ein Sedan!" Wie nahe war's auch tatsächlich daran!
Hätte doch Brosch die Hauptgruppe des II. Korps geführt!)
So abwechslungsreich diese Tage auch dahinflössen, so verließ mich
doch kaum einen Moment der nagende Schmerz, den mir die Amo-
vierung verursachte. Es half kein Sträuben : wo ich ging und stand,
flössen meine Gedanken in ein ,,Warum?!" zusammen. Und da ließ
mir zunächst eine Stelle in einem Briefe Conrads keine Ruhe, worin
es hieß, daß ,,die feste Führung beim Rückzug von Rawa Ruska
dadmrch gelitten habe, daß das Armeekommando vorzeitig voraus-
geeilt sei". Das hatte einen höchst merkwKirdigen Beigeschmack.
Gegen diese Insinuation mußte ich sofort Stellung nehmen. Ich tat
es auch und fügte bei, daß ich die gerichtliche Erhebung peremp-
torisch fordernwürde, wenn nachgenauerDarstellungderVerhältnisse
noch der geringste Zweifel walten sollte. Darauf kam umgehend die
Antwort, aus der ich nachfolgenden Passus wortgetreu anführe:
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918