Seite - 413 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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einsendete— Konvolute von Schriften, mit eigener Hand sorgfältig
geschriebene und mit Skizzen reich belegte Operations- und Gefechts-
schilderungen. Welch enormer Arbeitsfleiß! War die aufgewendete
Zeit und Mühe nicht eher schädlich als nützlich? Ein Feldherr, der
sich ganz und gar an den Schreibtisch fesselt imd sich mönchartig
vom praktischen lieben abschließt, verliert den Blick für die Wirk-
lichkeit, das Element, in dem der Krieg allein zu Hause ist. Ein ober-
ster Feldherr, der wirklich führen und nicht nur repräsentieren will,
muß sich wohl bis zu gewissem Grade isolieren, darf nicht allzu viele
AnsichtenundMeinungen anhören. Andererseits haben die veralteten
Anekdoten vom ,,seligen Hofkriegsrat", der von Wien aus den Krieg
und die Schlacht hatte lenken wollen, schon lange den Kurswert ver-
loren. Sie waren vielleicht angebracht gewesen im Zeitalter der rei-
tenden Kuriere und der Poststraßen, doch nicht in unserer Zeit des
wahrhaft raffinierten Verbindungs- und Nachrichtendienstes, wo
Hunderte von Kilometern kaum eine Rolle spielen. Dieser überfeine
Apparat kann wohl mit einemmal aussetzen, und, wenn das Unglück
es will, vielleicht gerade im wichtigsten ]\Iomente. Die individuelle
und persönliche Fühlung soll daher niemals ganz außer Kontakt ge-
setzt werden. Die richtige Wahl zu treffen, ist gewiß nicht leicht.
Sie ist in erster Linie Sache der Veranlagung. Eine der Feldherren-
eigenschaften! Mehr zu sagen, hüte ich mich, da ich weder in die
schriftlichen Darlegungen des unglücklichen Generals Einsicht nahm,
noch sonstüber dieDetailsvonhübenunddrübengenauinformiert bin.
Übrigens ließen sich die Operationen anfänglich günstig an. Die
Truppen kämpften sehr brav, die wohlvorbereiteten Stellungen der
Serben wurden nacheinander erobert, Valjevo genommen, und die
wichtige Kolubaralinie durchbrochen. Dadurch war die Einnahme
Belgrads von selbst gegeben, und es bedurfte sogar einer gewissen
Aufmachung, um ,,Stadt und Festung Belgrad" erst just am 2. De-
zember, Kaisers Regierungsantritt, dem „Allerhöchsten Kriegsherrn
zu Füßen zu legen". Man tat das mit viel Geschicklichkeit. All-
überall wurde geflaggt, undman jubelte über dieEroberung derfeind-
lichen Hauptstadt. Die Anerkennung blieb nicht aus, zumal Potiorek
an Allerhöchster Stelle, namentlich aber bei dem überaus einfluß-
reichen Vorstand der Militärkanzlei seit jeher in ganz besonderer
Gunst stand. Hatte doch dieser Funktionär, als ich Kriegsminister
gewesen, einmal geäußert, daß man bei Eintritt ernster Verhältnisse
Potiorek alles übergeben sollte. Und noch während des Krieges
meinte er, daß für den Fall, daß oben ein Personenwechsel nötig
werden sollte (imNovember 1914 hatteman daran gedacht), Potiorek
der providentielle Mann sei.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918