Seite - 416 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Vorher erbat ich eine Audienz beim obersten Kriegsherrn. Ich
war für meine Feldzugsleistungen zweimal dekoriert worden und
hielt es in jeder Beziehung für meine Pflicht, mich dem Kaiser in
Erinnerung zu bringen. Die Audienz wurde mir prompt zugestanden,
doch bezeichnenderweise nicht als Privataudienz, sondern inmitten
der allgemeinen Audienzen. Hiermit war schon im vorhinein an-
gedeutet, daß der Kaiser sich über nichts informieren, sondern nur
meinen Dank entgegennehmen woUe.
Bei dieser allgemeinen Audienz wurden empfangen: der frühere
LandesverteidigungsministerGrafWelsersheimb, derehemaligeKriegs-
minister Baron Schönaich, Brudermann und ich. Die drei genannten
Generale hatten einen höheren Geheimratsrang als ich, wurden daher
vor mir empfangen. Alle, auch Brudermann, verließen den Audienz-
saal mit befriedigter Miene.
,
Dannkam ich. In konventioneller Weise brachte ich meinen Dank
dar, worauf der Kaiser mit einigen kurzen Worten der ausgezeich-
neten Armeeführung gedachte. Sodann fragte er aber sofort— wie
denn eigentlich das Wetter und die sonstigen Verhältnisse am Sem-
mering wären?! W^eiters meinte der Monarch, daß auf den Kriegs-
schauplätzen jetzt schon sehr viele Erfrierungsfälle vorkämen. Ich
benützte diese Wendung, um einiges von den Schützengräben im
allgemeinen, von den russischen im besonderen zu sagen, sowie vom
Verhalten der Russen in den Verschanzungen. Der Kaiser hörte mir
kopfnickend eine Zeitlang zu und entließ mich dann in seiner huld-
vollen, unverbindlichen Art.
Das war gewiß alles wohlüberlegt, resultierte aus traditionellen
und sonst eingehenden Erwägungen. Gleichwohl berührte es mich
eigenartig. Vor seinem obersten Kriegsherrn steht ein Feldherr, der
vor wenigen Wochen einen großen Sieg erfochten hatte. Sollte man
da nicht annehmen, daß der Kaiser an diesen General sachliche oder
persönliche Fragen zu stellen hätte ? Daß dessen Auffassimg und Er-
fahrung ihn doch einigermaßen interessieren würden? Insbesondere
in einer Zeit, da die Ereignisse im vollsten Gange und zwar in einem
nichts weniger als erwünschten Gange waren. Die Audienz fand am
10. Dezember statt, in einem Moment, da der Gegner am nördlichen
Kriegsschauplatz bereits vor den Forts von Krakau angelangt war,
im Süden aber die eingetretene Katastrophe oder mindestens deren
Beginn an oberster Stelle bereits bekannt sein mußte. Jedenfalls
zeugte dies von einem bewundernswertenGleichgewicht undvon einer
Seelenruhe, die von keinemSturm gestört oder bewegtwerdenkonnte.
Am Semmering angelangt, lernte ich neuerdings sehr viele Men-
schen kennen. Das Interesse für meine Person war im großen Publi-
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918