Seite - 432 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Ich war oft dem Wahnsinn nahe, und es gabAugenblicke, wo mich
die rasende Sehnsucht überkam, diesem Höllendasein zu entfliehen.
Doch der Gedanke an meine Familie, an meine Schuldlosigkeit, und
nicht zuletzt der an meinen Namen verhinderte die letzte Tat der
Verzweiflung. Der Sieger von Komaröw durfte um keinen Preis wie
ein Vabanquespieler in Monte Carlo enden.
In allemJammer flammten aber auch Wut und Empörung in mir
auf über die unerhörte, jede Rücksicht beiseite setzende Vergewal-
tigung, die von jenen ausging, denen ich durch 44 Jahre in auf-
opferndster Treue erfolgreichst gedient hatte.
Stählerner Trotz hielt mich aufrecht. Ich wollte allem die Stirne
bieten, wollte gesund, stark und widerstandsfähig bleiben, wissend,
daß den Drahtziehern dieser Komödie nichts besser passen würde,
alsmich niedergerungen zu sehen oder gar aufmeinen zerschmetterten
Schädel hinweisen zu können, um pharisäerhaft auszurufen: ,,Seht,
wie schuldig er sich fühlte, da er sich selbst gerichtet hat!"
Und während ich mein Martyrium in der Kerkerzelle tragen mußte,
trugen meine Frau und Tochter ein gleiches in der Öffentlichkeit.
Doch nicht ergeben, nicht ohne Widerspruch. Mit aller Kraft ar-
beitete meine Frau für meine und unseres Namens Ehre. Zunächst
in der Weise, daß sie die Intervention Höchststehender zu erwerben
versuchte. Vergebliche Mühe! Im Opportunitätsstaat Österreich
wollte doch niemand für einen von oberster Stelle so Behandelten
auch nur den Finger rühren. Ich spreche dabei gar nicht vom ver-
antwortlichen Kriegsminister, der meiner Frau oft und freimütig er-
klärte, daß er nur die aus der Müitärkanzlei kommenden Wünsche
imd Befehle kenne. Wohl spreche ich aber vom Chef der Militär-
kanzlei, dem damals allmächtigen Generaladjutanten. Nichts als Ab-
weisung. Worte wie: ,,Zuerst das UrteÜ und dann die Gnade!" (Um
dieübrigenskeinMenschgebeten hatte.) Und dergleichenDingemehr.
Anders die Öffentlichkeit. Im parlamentlosen Österreich war sie
allerdings mundtot. Doch in Ungarn lebte sie, da just der Reichstag
tagte. Unterstützt durch den mir wahrhaft freundschaftlich gesinnten
Herausgeber der „Zeit", Professor Dr. Singer, und in erster Linie
durch den Prinzen Ludwig Windis'chgraetz, der sich in so werktätiger
Weise an meineSeiteund auf denStandpunktderGerechtigkeit stellte
und der eben als Abgeordneter in Budapest weilte, wandte sich
Dr. Preßburger an den ungarischen Abgeordneten Dr. Vaszony. Die-
ser brachte in streng sachlicher, formvollendeter Rede den ganzen
imerhörten Vorfall zur Kenntnis des Parlamentes und knüpfte eine
Interpellation daran. Sie wtude vom Regierungschef Tisza bezeich-
nenderweise nicht beantwortet, und das Parlament wurde wenige
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918