Seite - 436 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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bedingt verurteilen würde!" Auf die verzweifelten Ausrufe meiner
Frau, die insbesondere das Ablegen der Charge als Unmöglichkeit
und Ehrlosigkeit ansah, wiederholte der Minister seine dringende
Aufforderung, versprach seine persönliche Befürwortung und die
baldige und günstige Erledigung. Meine Frau wollte die Zustimmung
nicht geben und wehrte sich gegen das Ansinnen, das man ihr be-
reits am 13. Mai zum erstenmal gestellt und das sie schon damals
mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen hatte.
Ganz zermürbt kam sie heim und berichtete mir das Vorgefallene.
Ich sträubte mich natürlich mit Leib und Seele gegen diesen Rat
des Ministers.
Doch schon am folgenden Tag kam ein Schreiben des Ministers
an meine Frau, darin er mitteilte, daß er an oberster Stelle bereits
referiert habe und daß ich das Abolitionsgesuch raschestens einsenden
möge.
Diese Eile ließ mich aufhorchen. Mit Gebräuchen persönlicher Be-
richterstattung wohl vertraut, wußte ich, daß eine solche beim alten
Kaiser an gewisse Formalitäten geknüpft war, und man ohne tags-
vorher erfolgte Anmeldung nur in den seltensten Fällen vorgelassen
wurde. Auchwaren Privataudienzen stets inden Blättern verzeichnet.
Beides traf hier nicht zu. Da ich aber mala fides doch unmöglich
annehmen konnte, mußte ich des Glaubens sein, daß eine expeditive
Behandlung ganz besonders gewünscht werde. Ja, ich gab der Hoff-
nung Raum, daß man eine Formel gesucht und gefunden hatte, diese
meritorisch unmöglich gewordene Untersuchung einzustellen und
mich zu rehabüitieren. In diesem Gedanken und unter der furcht-
baren Depression, unter der ich seit vielen Wochen maßlos Gequälter
mich befand, entschloß ich mich endlich schweren Herzens, dasAbo-
litionsansuchen einzuschicken, bevor mir noch die Anklageschrift
zugestellt worden war. Ich handelte gegen meine bessere Einsicht.
Allerdings fiel es mir auch jetzt nicht bei, die Sühne, die man haben
wollte, meine Charge, anzubieten. Ich batum die Abolition des Ver-
fahrens, natürlich in jener deferenten Weise, die damals bei einem
Majestätsgesuch üblich war.
Die Erledigung blieb zunächst aus. Dagegenwurdemir dreiWochen
später die Anklageschrift zugeschickt, aus der ich zu meiner größten
Überraschung ersah, daß die Anklage umgestellt sei, und daß ich
demnach um die Abolition einer supponierten Verfehlung gebeten
hatte, deren man mich gar nicht mehr bezichtigte.
In jenen Tagen starb General Graf Uexküll, an dessen letzter
Lebenskraft die ihm so odiose Mission eines Gerichtsherrn gegen
meine Person zweifellos gezehrt hatte. Eine Erledigung meines Ge-
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918