Seite - 441 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Was ich in jenen Tagen und Nächten durchlitten, ist unbeschreib-
lich. Dennoch blieb ich aufrecht, und am Tage der Urteilsfällung war
ich weitaus der ruhigste der ganzen Familie, Frau und Kind und
mein Schv/ager, Dr. Maurer, der uns in der ganzen Zeit die treueste
Stütze und durch seinen hellen Kopf auch der wertvollste Berater
war, walteten unten im Auto, während ich oben dem Schicksal ent-
gegensah. Und als nach endlosen Formeln und Einleitungen das er-
lösende Wort ,,Freigesprochen" ertönte, war die Elastizitätsgrenze
meiner Nerven schon so überspannt, daß ich kaum ein freudiges
Aufblitzen verspürte und mein Kopf dem anschließenden Motiven-
bericht mit größter Aufmerksamkeit und Sachlichkeit zu folgen ver-
mochte. Klar verfaßt, erhob er sich im Maximum zur Annahme
einer ,,eventuellen Indiskretion" (bezüglich der Karte), die einer dis-
zipHnären Beurteilung möglicherweise zu unterziehen war, vor-
ausgesetzt, daß sie angeklagt und nicht schon verjährt gewesen wäre.
Der Freispruch erfolgte — nicht nur mangelnden Beweises,
sondern auch mangelnden Tatbestandes wegen. Wie ich
später erfuhr, wurde er einstimmig gefällt.
Ich kehrte zu meiner Famüie zurück, bei der sich die nervenzer-
reißende Spannung und Aufregung, das wochenlange Martyrium in
krampfhaftem Schluchzen auslöste, um endlich einer beruhigenden
Genugtuung Platz zu machen.
Die Präklusivfrist, die der Anklage den Rekursweg freiließ, wurde
nicht benützt, da alle Argumente des Anklägers zerschellt waren.
So endete trotz all der aufgewendeten ungeheuren gerichtlichen
und vor allem diktatorischen Gewaltmittel der Prozeß mit einem
vollständigen Niederbruch meiner haßerfüllten Feinde.
Ich glaube, in einem anderen Land hätte schon der Fluch der
LächerlichkeitundBlamagedieCUqueunnachsichtig weggeschwemmt.
Bei uns traf dies aber ganz und gar nicht zu. Im Gegenteü. Sie gab
ihr freundwilliges Spiel noch lange nicht verloren.
Zunächstwandte sie die traditionellen kleinlichen IVIittelund Mttel-
chen an, die zwar nicht vernichten, aber tief schmerzen. So ließ sie
beispielsweise sieben Tage verstreichen, ehe sie die Urteüspublikation
verkündete, wo sie doch dreiundeinhalb Monate vorher meine Ver-
haftung und Beschuldigung nicht rasch genug in die Welt hatte po-
saimen können. Dann erfolgte endlich die Verlautbarimg. Aber nicht
etwa in einer würdigen, die Motivierung des Freispruches enthalten-
den Form, sondern in einem mit Gesetzesparagraphen und Über-
tretungsmöglichkeiten angefüllten Communique, in dem das frei-
sprechende Urteü fast mit Mühe herauszufinden war. Sie taten es
mit gutem Grund. Hätte man den Motivenbericht publiziert, wäre
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918