Seite - 451 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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In jenen Maitagen 1915— ich lag noch in Untersuchungshaft—
ließen die Italiener die Maske gänzlich fallen und erklärten der Mon-
archie den Krieg. So schmerzlich ich dieses neue Unglück des Vater-
landes empfand, so lenkte es mich doch von meinem eigenen Jammer
ab. Wie viele Stunden meiner Einsamkeit brachte ich damit zu,
operative Ideen durchzudenken! Da überdies der Besitz meiner
Schwiegereltern an der Save und noch dazu an einem taktisch mar-
kanten Punkt liegt, rechnete ich auch allen Ernstes damit, daß dieser
meiner Famüie so teure Sitz in nicht allzu ferner Zeit in Schutt und
Trümmer gelegt werden würde. Daß es dann anders kam und daß
die italienische Kriegführung anfänglich so versagte, ist mir noch
heute unverständlich.
Im Sommer 1915 feierte man in der Monarchie die Eroberung von
I^emberg.
Ich mußte mich damals gerade auf den Kampf um Leben und
Tod vorbereiten, den mir mein Schicksal aufgezwungen hatte.
Am Abend wogte ein festlicher musikalischer Zapfenstreich durch die
Straßen, und dieMenge war von rauschender Begeisterung erfaßt.
EigentHch war es eher eine Einnahme als eine Eroberung, da die
Russen in ihrem berechtigten Bestreben, sich von den verfolgenden
Gegnern baldmöglichst loszulösen, hauptsächlich doch nur Rückzugs-
kämpfe— wenn auch solche größten Stiles— westlich von Lemberg
abgeführt hatten. Doch das galt gleich. Letzten Endes ist im Kriege
der Wertmesser stets nur der Erfolg, manchmal auch nur der Schein
eines solchen. Und so zogen denn Hunderte und Hunderte jubelnd
an meinen Fenstern vorüber, an denen ich mit meiner Familie stand,
in deren Kreis ich eben zurückgekehrt war— als Angeklagter, dem
das fürchterliche Gerichtsverfahren bevorstand. Was für Gefühle da
meine Brust durchtobten, vermag ich nicht zu schildern. Da stand
ich im schlichten Bürgerkleid, ein Sieger in weit größerer und schwe-
rerer Schlacht als jene, die da unten gefeiert wurde! Und nie hätte
man diesen Sieg begehen können, wenn ich den meinen nicht errungen
hätte. Wie man aber den Führer jener Schlacht lohnte, dies machte
sich an jenem festumrauschten Abend so recht geltend, wo ich, bren-
nenden Auges den Tod im Herzen, auf die jubelnde Menge blickte.—
Anläßlich der ersten Jahreswende der großen kriegerischen An-
fangsbegebenheiten gedachte der deutsche Kaiser in hochherziger Art
seiner Führer, die den Sieg an die Fahnen ihrer Armeen zu fesseln
gewußt hatten. Stimmungsvolle Handschreiben gelangten zur breiten
Öffentlichkeit. Von alldem war bei uns nichts zu merken. Ich will
wohl glauben, daß man dem General Dankl für Krasnik gerne einige
huldvoUe Worte gespendet hätte. Doch Krasnik hervorheben, und
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918