Seite - 452 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Komaröw verschweigen, wäre eine zu offensichtliche Verhöhnung der
Gerechtigkeit gewesen. Dazu schwang man sich erst zwei Jahre
später auf. ...
ImNovember 1915 kam's dann unterMackensensFührungzumEin-
bruch inSerbienund zurNiederwerfungdiesesLandes, dasvonderEn-
tente nicht genügend gestützt worden war, da die in Saloniki gelan-
deten französischenund englischen Kräfte noch keine fühlbare Gegen-
wirkung zu entwickeln vermochten. Der Zusammenbruch Serbiens
erfolgtedannungeheuerraschundwurdezueinemvollständigen. Wieso
dies geschah, wieso die Serben, die doch so gewaltige Proben ihrer
Kriegstüchtigkeit abgelegt hatten, bis zur völligenVerjagung aus dem
Lande niederbrechen konnten, wird einst durch die Geschichte ge-
klärt werden. Jetzt fehlt dazu wohl noch jede ernste Begründung.
fe Hierdurch häufte sich der Lorbeer auch auf dem Haupte des
Führers des österreichischen Flügels, General Kövöß, den das Glück
schon im Sommer beim allgemeinen Rückzug der Russen favorisiert
hatte, indem es ihm die Festung Iwangorod ohne große Schwierig-
keiten in die Hände fallen ließ.
Auch das Cernagorzentum brach zusammen. Unter der Oberlei-
tung Kövöß' wurden weit überlegene Gruppen von drei Seiten an-
gesetzt. Doch immerhin— wenn man bedenkt, mitten im Winter
und gegen alle seit Jahrhunderten berühmten Naturfestungen, die
Zeugen so vieler vergeblicher Angriffe der Türken gewesen waren—
und jetzt gab's urplötzlich keine ernsthafte Verteidigung! Der sagen-
hafte Lowcen, das unbezwingliche Wahrzeichen Montenegros, wurde
von österreichischen Landsturmabteilungen mit einem Verlust von
— schreibe und sage— 120Mann erobert. Die Montenegriner kämpf-
ten eben nicht mehr. So fand man auch am Lowcen und im kampf-
los geräumten Cetinje mehr montenegrinische Geschütze, als uns die
ganze Expedition Tote gekostet hatte. Vom militärischenStandpunkt
erscheint es unverständlich, welche Motive den Zaunkönig Nikita
zum fluchtartigen Rückzug und zur vollständigen Preisgabe seines
Landes veranlaßt haben mochten!
Allerdings zeigte sich hierbei so recht deutlich die sich dann stets
wiederholende Unfähigkeit der ]\Iittelmächte, die großen Operationen
bis in die letzten Konsequenzen durchzuführen. Anstatt coüte
que coüte bis Saloniki durch- respektive vorzustoßen, blieb man in
der Höhe des Vardarbeckens stehen. Es kam dann als Erklärung
dieser Unzulänglichkeit das Schlagwort auf: ,,Die bei Saloniki ver-
einigte alliierte Armee bedeute für die Mittelmächte das billigste
Konzentrations- (Gefangenen-) Lager." Nun, das hat sich dann wohl
aufs bitterste gerächt!
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918