Seite - 461 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Krieges ansahen. Es wäre denn, daß— gewissermaßen im Tausch-
wege— für die Überlassung GaHziens, die doch nur als Frage einer
ganz kurzen Zeit angesehen werden konnte, die Erstreckung der
österreichisch-ungarischen Machtsphäre auf andere Gebiete ausge-
dehnt worden wäre, die vom geopolitischen Standpunkte aus besser
in den Rahmen der Monarchie gepaßt hätten.
Dies lag aber gar nicht im Sinne der leitenden Kreise, die als Ent-
gelt ihrer so großzügigen Gebergeste vor allem die Bereitstellung einer
ansehnlichen nationalpolnischen Streitermacht für das Frühjahr 1917
erhofften, in dieser Hoffnung jedoch gründlich getäuscht wurden.
Die Besprechung der wahrhaft blutigen Satire, zu der sich nach
den verschiedensten Schwankungen schließlich die Lösung der pol-
nischen Frage für die ,,Befreiungsmächte" entwickelte, fällt außer-
halb des Rahmens dieser Schilderung. Jedenfalls hat aber die große
Kaiserin Maria Theresia vor 130 Jahren richtiger geurteüt als die
,,weisen Staatsmänner", die sie zur dritten Teilung Polens bestimm-
ten. Die von ihr eigenhändig geschriebene Schlußresolution spricht
da eine beredte Sprache.
Drei Todesfällevon besonderer Bedeutung bezeichnen diese Periode,
Oktober—November 1916.
Vorerst der Tod des Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh, der dem
sozialdemokratischen Fanatiker Friedrich Adlerzum Opfer fiel. Dann
jener des Botschafters des deutschen Reiches, Tschirschky und Bö-
gendorff. Am 21. November aber verschied der Nestor aller Poten-
taten, Kaiser und König Franz Joseph I.
Heute, da Jahre seit jenem Ereignis vorübergezogen sind, und sich
seither vieles, ja alles verändert hat, vermag man es eigentlich nicht
zu verstehen, daß der Eindruck, den der Heimgang des greisen Kai-
sers hervorgerufen, so rasch verflogen ist. Eine fast siebzigjährige,
kaum dagewesen lange Regierungsdauer — und die Erinnerung
daran weggeweht wie Laub im Winde. Menschengröße! Purpur-
umsäumte Herrlichkeit
Die gewaltigen, einander überstürzenden Zeitgeschehnisse mit der
sich stets steigernden Sorge, davon jeder einzelne berührt wurde,
trugen wohl bei, daß der Glanz jener Krone und ihres schon fast
mj-thisch gewordenen Trägers so rasch verschleiert werden konnte.
Immerhin ist es bezeichnend, wie selbst größte materielle Macht nach
ihrem Ende sofort den Einfluß verliert, den sie kurze Zeit vorher
noch souverän ausgeübt hat. Nur wenn diese Macht aus dem Innern
der Persönlichkeit quillt, setzt oft mit dem physischen Ende erst
recht der Aufstieg zu geistigem Ruhm ein, zur Beherrschung der
Geister und Seelen.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918