Seite - 462 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Ich übergehe die Trauerfeierlichkeiten, wobei der vierjährige Kron-
prinz Otto die Sensation der so leicht zu entzückenden Wiener bü-
dete. Alles was zu Hof gehörte, was Rang und Würde hatte, eine
große Zahl fremder Fürstlichkeiten war versammelt. Ein glanz-
volles Bild von Farbe, Pracht und Macht, durchfunkelt vom vSonnen-
licht eines milden Wintertages. Es war das letzte Prunkfest des
alten Österreich.— Ein Totenfest!
Man fühlte eine gewisse Erleichterung, als diese Feierlichkeiten
vorüber waren, da die Gelegenheit zu Attentaten eine große war.
Solche ereigneten sich jedoch glücklicherweise nicht,—
InkürzesterZeitwardasBandderLiebezwischendemVolkunddem
neuenMonarchen gewunden. So schnellund fest, wie es nurim kritik-
losen, gemütvoll weichen Österreich möglich war. Das Regime hatte
gewechselt. Die Herzen flogen dem jungen Kaiserpaar zu, ,,So
rührend jung!" klang es mit warmem Herzenston. Tausend Anek-
doten und Legenden von Güte, Bescheidenheit und Edelmut schwirr-
ten auf. Hoffnung und Zuversicht blühten. Und der Optimismus des
Österreichers, vor allem des Wieners, wähnte, die jugendhche Herr-
scherhand würde nun aUe Wunden des Reiches verbinden und heüen.
Viele glaubten, es wärenun auch fürmich eineneue Zeitgekommen.
Und zu tiefst glaubte ich's fast auch selbst. Man wollte von meiner
Wiederverwendung wissen.
Doch sehr bald erkannte ich, daß die Erfüllung dieser Wünsche,
die tatsächlich aus dem Volke und aus der Armee kamen, ausge-
schlossen sei. Alle Männer, die den jungen Kaiser umgaben, setzten
sich doch aussschließlich aus meinen erbittertstenGegnernzusammen,
da mußten sie doch dringendst verhindern, daß mir wieder Einfluß,
Macht und Stellung gegeben würde.
Daß der junge Kaiser in diesem Sinne gründlichst informiert wurde,
konnte ich mir denken. Überdies fühlte ich, daß ich dem jungen
Gebieter niemals sympathisch gewesen. Daß daraus aber eine so
krasse Antipathie geworden war, erfuhr ich erst später. Dabei sah
ich aber jeden Tag an vielen anderen, daß die willkürlichste Gunst
und Ungunst Kaiser Karls die maßgebendste RoUe spielte. Wie
hätte mir da die Gerechtigkeit, geschweige denn Anerkennung und
Genugtuung werden können? Logik und Vernunft sagten mir daher
zur Genüge, daß ich auf nichts zu hoffen hatte.
Dessenungeachtet erfreute ich mich der indirekten Anerkennung,
die aus den breiten Schichten kam, und ich bekenne, daß es mich
über manche bittere Enttäuschung hinweghob. Nicht nur aus allen
Teüen der Monarchie und der Armee kamen mir Rufe zu, sie kamen
sogar von Soldaten, die sich in russischer Gefangenschaft befanden.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918