Seite - 463 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
Bild der Seite - 463 -
Text der Seite - 463 -
Erdrosseln hatte man mich wollen, und doch rief ein Teil der Be-
völkerung immer wieder nach mir! Wohl hatte man es in der Hand,
die vox populi nicht zu hören, doch sie verstummen zu machen
vermochte man nicht.
Mitte Dezember besuchte mich, wie noch oft nachher, unerwartet
und unangesagt Erzherzog Josef Ferdinand. Er erzählte mir vort
Luck, daran er sich schuldlos fühlte. Er meinte, wenn ich wieder
in Verwendung käme, würde er gerne unter mein Kommando treten.
Aber die Sonne wäre wohl eher vom Himmel gefallen, als daß solch
Ideenumsturz in unserem Staatswesen erfolgen konnte! Immerhin
war es vom Erzherzog lieb, um so mehr da er wußte, wie sehr ich
bei den obersten Faktoren als persona ingratissima galt.
In den letzten Dezembertagen fanden in Budapest die Krönungs-
feierlichkeiten statt. Ich beschloß, dieser Feier beizuwohnen.
Die glänzend aufstrebende Hochburg ungarischer Macht und wohl
eines noch größeren nationalen Ehrgeizes präsentierte sich bei herr-
lichem Wetter in einem allerdings nicht zu üppigen Flaggen- und
Galaschmuck. Als simpler Fußtourist, der ich diesmal war, drängte
sich mir unwillkürlich der Vergleich mit jenen Tagen auf, da ich als
Minister oder in Amt und Würden befindhcher Armeeinspektor dort
weilen konnte.
Erfreulich war es mir aber zu sehen, daß ich mich selbst in Buda-
pest einer ausgesprochenen Poptdarität erfreute.
Am Vorabend des Krönungstages traf ich mit Prinz Ludwig
Windischgraetz zusammen. Durch ihn erhielt ich die authentische
Nachricht, daß der junge Kaiser mir von vornherein jegliche Gunst
entzogen habe, ja — verbis expressis— mich nicht leiden möge.
Es überraschte mich nicht, denn ich ahnte, daß das eingeträufelte
Gift der Umgebung vorzüglich gewirkt habe. Die einfachste Über-
legung mußte mir sagen, daß der junge Monarch doch einiges
Interesse an mir haben müßte, wenn man ihm nicht die schwär-
zesten Dinge — in diesem Fall böswillige Unwahrheiten — oft
und oft vorgetragen und mein ganzes Wesen schlankweg verfälscht
hätte.
Fraglos wäre es die primäre Pflicht des obersten Kriegsherrn ge-
wesen, meinem absonderlichen, noch gar nie dagewesenen Fall genau
nachzugehen und sich selbst zu überzeugen. Bei den Erzherzogen
Josefund Peter Ferdinand recherchierte er doch sofort in eingehender
Weise, um sie entgegen vielfach anderer Anschauung wieder einzu-
setzen. Männer, die ihm in seinen früheren Jahren nahegestanden,
erhob er nach Beschluß seiner Laune und Gunst sofort zu hohen
militärischen Würden und Ehren. Da hätte sich's vielleicht doch
463
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918