Seite - 467 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Sommitäten, die zurücktraten, eröffnete der Generaladjutant Bolfras,
an dessen Stelle Feldmarschalleutnant Marterer kam.
Generaladjutant Baron Bolfras bekleidete seine gewiß nicht leichte
Stellung fast 28 Jahre lang und war seinem kaiserlichen Herrn in
wahrhaft antiker Treue ergeben. In diesen Blättern wurde über ihn
wiederholt gesprochen, da der Einfluß, den er auf mein Leben und
Wirken nahm, ein tiefgehender war— leider nur im negativen Sinne.
Persönlich gab ich hierzu nie eine Veranlassung. Die sachlichen Mo-
mente aber sind in diesen Zeilen mit photographischer Treue wieder-
gegeben.
Eines sei aber trotz allem festgehalten: die unbedingte persönliche
Integrität des Generaladjutanten. Sein Urteil über mein Wesen und
Streben war von schweren Irrtümern durchsetzt, doch er war des
Glaubens, daß er im Sinne des Systems, zu dessen ersten Repräsen-
tanten er zählte, so handeln müsse. Und in diesesSystemeingezwängt,
konnte er den Rückweg nicht mehr finden, als er— wie höchst wahr-
scheinlich— seinen Irrtum spät erkannte. Vom Armeeoberkomman-
danten, von sonstigen hohen Persönlichkeiten und von jenen seines
Kabinetts beeinflußt, glaubte er noch immer seiner Lebensmaxime:
,,korrekt" zu entsprechen, als er sich von einer Verfolgungsmanie
leiten ließ, die seinem inneren Wesen eigentlich gar nicht entsprach.
Kraft seiner Stellung tat er mir wohl viel Böses an, doch die
Intentionen hierzu kamen weit mehr von anderer Seite als von ihm
selbst. Doch eben darum sei über diesen Repräsentanten des alten
Systems so objektiv gesprochen.—
Erzherzog Friedrich wurde des Armeeoberkommandos enthoben,
das der jugendliche Kaiser selbst in die Hand nahm. Auch Conrad
von Hötzendorf, der zum Feldmarschall ernannt worden war, mußte
den Posten des Chefs des Generalstabes zurücklegen. Dieser Rück-
tritt sowie die Ernennung des bei den Deutschen sehr beliebten Ge-
nerals von Arz zum Chef, war eine schon seit Monaten besprochene
zu lösen. GrafClamkam damit den geheimen und offenen Wünschen der deut-
schen Vertreter, exklusive der Sozialdemokraten, entgegen, desgleichen jenen
der Polen. Die scharf einsetzende Haus- imd Geschäftsordnung sollte weiters
über alle Schwierigkeiten hinweghelfen. DieVerhandlungenund Vorbereitungen
für die bezüglichen kaiserlichen Patente dürften auch schon ziemlich weit ge-
diehen gewesen sein, als durch den Ausbruch der russischen Revolution die
demokratischen Elemente in allen Ländern einen derartigen Kraftzuschuß
erhielten, daßman es dann doch für gewagt hielt, umstürzendeVeränderungen
im Verordnungswege vorzunehmen. Manentschloß sich daher, sichtlich schwe-
renHerzens,das fastdrei JahreschlummerndeDornröschenparlamentzuwecken.
Dem Grafen Clam gelang es dann trotz redlichsten Willens nicht, seine Ideen
auf parlamentarischem Wege zur Geltung zu bringen.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918