Seite - 469 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
Bild der Seite - 469 -
Text der Seite - 469 -
Botschaft zu merken. Hierbei repräsentierten die militärischen Per-
sönlichkeiten stets die optimistische, die zivilen mit Tschirschky an
der Spitze die zögernde, wägende, pessimistische Richtung. Letzere
behielt letzten Endes recht.
Es muß überhaupt zugegeben werden, daß in jenem Momente
(Vorfrühjahr 1917) für jeden, der die möglichen Ereignisse bis in die
letzten Konsequenzen durchdachte, trotz aller Waffenerfolge doch
schon Sorgen aufdämmern mußten, namentlich in dem Sinne, daß
es immer deutlicher wurde, wie in diesem Krieg der Kriege die mili-
tärischen Ereignisse stetig an Bedeutung verloren. Seitens der Mittel-
mächte wurde der Krieg unter dem antiquierten Gesichtspunkt be-
gonnen, daß bei Eintritt des Waffenganges nur mehr die müitärischen
Momente zu Worte kommen dürfen. So lag's aber nicht mehr. Man
mußte sichim Gegenteil sagen, daß der Kriegwohl durch vernichtende
militärische Schläge gewonnen und dem überwundenen Teil dann
harte Bedingungen auferlegt werden können, daß aber ein wirt-
schaftlicher Zusammenbruch zu einem Niederbruch kat' exochen
führen würde, der den Überwundenen vollkommen wehrlos machen
müsse. In dieser Hinsicht war aber die Voraussicht der Entente-
mächte weit großzügiger als jene der Mittelmächte, die eben den
Krieg noch in überkommener Weise, oder wie die Franzosen sagen:
„trop reglementaire" führten. Es gab vielleicht einheitliche, tiefgrün-
dige strategische Angriffs- imd Verteidigungspläne, aber leider keinen
einheitlichen Wirtschaftsplan. Und wenn schließlich selbst die stra-
tegische Einheitsfront in den wichtigsten Momenten — zu gutem
Teü durch unsere Schuld— versagte, so kann von einer wirtschaft-
lichen Einheitsfront überhaupt nicht gesprochen werden. Doch just
diese tat dem wirtschaftlich so ungleich schwächeren Teil besonders
not.—
In Wien kam'sim Frühjahr 1917 zu einem damals vielbesprochenen
Prozeß (Kranzprozeß). Er endete mit dem Freispruch der Ange-
klagten, war aber reich an Sensationen. Hierbei kam der Kriegs-
minister— dessen Integrität aber außer jedem Zweifel steht— da-
durch einigermaßen ins Gedränge, daß eine von ihm abgegebene
öffentliche Emanation nicht aufrecht erhalten werden konnte.
Er trat dann unter allen Gunst- und Ehrenbezeugungen zurück.
Die kaiserliche Huld ermöglichte sogar, daß ihm, der fast nie ein
Kommando geführt hatte, sofort ein Armeekommando anvertraut
wurde
Im ungarischen Parlament waren diesbezüglich Interpellationen
vorbereitet. Sie gelangten aber nicht zur Verlesung, da das Parla-
ment mittels königlichen Handschreibens vertagt wurde. Es kam
469
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918