Seite - 470 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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dann bald zu einer großen Krise, nicht nur des Ministeriums Tisza,
sondern auch der ganzen Arbeitspartei, die mit deren Niederlage
endete. Als Kuriosum sei noch erwähnt, daß einer der präsumtiven
Interpellanten einen Sitz im neuen Ministerium fand.
Krobatins Nachfolger war der General Stöger-Steiner, der letzte
Kriegsminister der österreichisch-ungarischen Monarchie.
Es soll nun einer entschwundenen militärischen Institution ge-
dacht werden, teils weil sie in St ezifikum österreichischer Heeres -
emrichtung bedeutete, teils weil sie auf alle staatlichen Wehrverhält-
nisse, besonders aber auf höhere Personalien einen ganz unheimlichen
Einfluß ausübte. Ich meine die Militärkanzlei des Kaisers. Halb im
Verborgenen gedieh sie üppigst und war gewissermaßen mit dem
archimedischen Punkt vergleichbar, von dem aus man wohl nicht
die Welt, aber den konstitutionellen Einfluß auf die ganze Wehr-
einrichtung nahezu aus den Angeln heben konnte.
Sie war das letzte und daher auch sorgsamst gehütete Restchen
rein autokratischer Willensbetätigung. Alle Vorschläge und sonstigen
Unterbreitungen des allein verantwortlichen Kriegsministers mußten
in letzter Instanz die— keine Verantwortung tragende— kaiserliche
Militärkanzlei passieren. Dadurch aUein wurde schon dem täglich
beim Kaiser referierenden Chef dieser Kanzlei ein Einfluß einge-
räumt, gegen den sich jederKriegsminister vergebens gesträubt hätte.
Und so konnte sich nur jener ohne schwere Kämpfe behaupten, der
mit der unumschränkt waltenden Militärkanzlei in ein ungeschrie-
benes Vertragsverhältnis trat, sich also ihren Wünschen akkommo-
dierte, noch besser aber subordinierte.
Bezeichnenderweise bestand für die Militärkanzlei keine eigentliche
Dienstvorschrift. Dafür herrschte souverän die Tradition, die siezum
Rang einer allmächtigen Zentralkanzlei erhoben hatte. Ihr Wirken
war mit jenem der zivilen kaiserlichen Kabinettskanzlei nicht zu ver-
gleichen. Wenngleich diese — insbesondere die österreichische —
noch die Rudimente einstigen autokratischen Regierungssystems dar-
stellte, so war deren Einfluß auf die verfassungsmäßigen Ressort-
minister doch Null im Vergleich mit jenem der Militärkanzlei auf
den ebenfalls verfassungsmäßigen Kriegsminister.
Diese Institution war auch eine Sammelstelle für Nachrichten per-
sönlicher Natur und leider oft auch für Einflüsterungen. Durch
weitere Appretierung wurde dann häufig im geheimen Stimmimg
gemacht, daraus sich manchmal die sonderbarsten Entschlüsse ent-
puppten, die hauptsächlich unter dem letzten Regime blitzartig
herniedersausten. So hätte am Eingang der Militärkanzlei eigentlich
das altäg>^ptische V/appentier, die Uräusschlange, prangen sollen.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918