Seite - 485 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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vielleicht den größten Rechenfehler im Gesamtkalkül der deutschen
obersten Staats- und Heeresleitung.
In das Frühjahr 1918 fällt eine der stärksten Sensationen, die wir
in jener so sensationsreichen Zeit erlebten: die Enthüllung über die
sogenannten „Kaiserbriefe".
Kaum ein Herrscherakt hatte eine so einstimmige Beurteilung er-
fahren als dieser. Nicht die Friedensanbahnung war's, sondern die
heimliche, die Interessen der Bundesgenossenschaft verletzende Art
und die den Unwillen der Öffentlichkeit steigernden, wahrhaft kind-
lichen Ableugnungs- und Vertuschungsversuche, die von den offi-
ziellen, den offiziösen und den beeinflußten Kreisen ausgingen, doch
selbst die naivstenund gläubigsten, in scheuester Ehrfurcht erzogenen
Gemüter nicht zu täuschen vermochten. Aber schließlich verebbte
der Unwille an der Harmlosigkeit des österreichischen und auch des
imgarischen Volkes, und mit den stets bereiten Schlag- und Witz-
worten ging man auch über diese ernste Angelegenheit hinweg.
Den Ideengang, der zu diesen jedenfalls bedauerlichen Extempora
führte, stelle ich mir folgendermaßen vor. Das junge Herrscherpaar
erkannte in der baldigen Herbeiführung eines wie immer gearteten
Friedens das geeignetste Mittel, die eigene Popularität auf das höchste
Maß zu steigern. Da überdies die Friedenssehnsucht in Österreich-
Ungarn tatsächlich eine brennende war, so schien es naheliegend, daß
die Friedensbestrebungen von dem IMoment an einsetzten, als man
des Glaubens sein konnte, daß eine gewisse Equilibrierung der Kräfte
eingetreten sei. Alles in allem genommen, war dies am Ende des
Jahres 1916 so ziemlich erreicht. Daß die militärisch günstiger situ-
ierten Zentralmächte mitdem bekannten ersten Friedensangebotvom
6. Dezember 1916 anrückten, war vom menschlichen Standpunkt aus
durchaus berechtigt,vom politisch-diplomatischen leider weniger. Die
Mentalität der Verbandmächte kennend, konnte man doch kaum an-
nehmen, daß die dargebotene Friedenshand den Einschlag finden
würde. Doch zugegeben, daß die alles überragende Wichtigkeit eines
prompten Friedensschlusses diesen einen Versuch auch vor der Kritik
zu rechtfertigen vermag, so mußte die unverhüllte entschiedene Ab-
lehnung von einer Wiederholung dieses Schrittes abhalten. So be-
dauerlich es auch sein mag, in der großen Politik gilt noch immer
der Talleyrandsche Ausspruch: ,,C'est plus qu'un crime, c'est une
faute!" Dieser Fehler wurde überdies hundertfach und stets mit
dem gleichen Resultat wiederholt, und dieserFehler war es auch, der
den jungen Kaiser zu dem verhängnisvollen Schritt der ,,Kaiser-
briefe" geführt haben mochte. Und daß dieser Fehler heimlich, ohne
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918