Seite - 497 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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ringen Abgaben an Menschen, Natural- und Steuerleistungen ab, die
ausschließlich von ihren Gutsuntertanen, vulgo Leibeigenen, beige-
stellt wurden. Sie selbst beanspruchten aber— soweit es ihnen ge-
fiel— Offiziers- und Beamtenstellen, die ihnen auch ohne weiteres
überlassen wurden. Dieser urwüchsig gemütlichemodus vivendi hörte'
auf, als Kaiser Josef II. die Regierung antrat. Ihm schwebte als
Ideal der zentralistische Einheitsstaat vor Augen, wobei die gesamte
Regierungsmaschine auf deutscher Basis aufgebaut und durch die
deutsche Sprache in Gang erhalten werden sollte. Hierzu waren
kräftige Germanisierungsmaßnahmen unerläßlich, die aber den Wider-
stand Ungarns und diesmal auch Kroatiens hervorriefen. Nichts-
destoweniger machte die Germanisierung der Ämter kräftige Fort-
schrittCj und die lateinische Amtssprache wurde durch die deutsche
ersetzt. Doch die Regierungszeit dieses großzügigen, vom Glück aber
so gar nicht begünstigten Herrschers war viel zu kurz, und das Ver-
hängnis, das sich bei allen derartigen, im guten Fortschritt befind-
lichen Assimilierungsbestrebungen geltend machte, trat auch hier ein
unglückliche oder mindestens alle Kräfte des Staates absorbierende
Kriege. Der todkranke, mit sich zerfallene Kaiser nahm alle von ihm
erlassenen Dekrete und Gesetze zurück, und sein kluger, diplomatisch
geschulter Nachfolger Leopold II. verstand es in kurzer Zeit, einen
modus procedendi zu schaffen, der das Funktionieren der Staats-
maschine wieder ermöglichte— allerdings bei Aufgeben der Einheits-
bestrebungen und mancherlei Einbuße an Autorität. Immerhin war
es hierdurch seinem Nachfolger Franz II. möglich, das Reich zu jenen
großen Kraftleistungen zu bringen, die es in der folgenden Kampfes-
periode bis 1815 an den Tag legte.
Die Leistungen der Ungarn waren allerdings hierbei bescheiden.
1809 z. B., im Jahre der größten Kraftanstrengung, stellten die alt-
österreichischen Provinzen5% der Bevölkerung für den Kriegsdienst,
die Militärgrenze und Kroatien bei 10%, während Ungarn bescheiden
sich mit 1% begnügl^. Selbst Napoleon spottete über die österrei-
chische Regierungskunst, die aus Ungarn nur 80000 Mann und
etwas über 20000000 fl. jährlicher Steuerleistung herauszubringen
wußte.
Nach 1815 gaben sich alle Völker Europas der Sammlung hin. Im
Kaisertum Österreich war es das vielgenannte Metternichsche System,
das unter Kaiser Franz, dann unter Ferdinand die gesamte Bevöl-
kerung Österreichs und Ungarns in den politischen Schlaf versetzte.
Während dieser Zeit wurde die germanisierende Tendenz fortgesetzt,
jedoch ohne viel Nachdruck, daher auch— namentlich in Ungarn—
ohne sonderlichen Effekt.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Titel
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Untertitel
- Eine Lebensschilderung
- Autor
- Auffenberg von Komarów
- Verlag
- Drei Masken Verlag München
- Ort
- München
- Datum
- 1921
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 13.4 x 21.6 cm
- Seiten
- 536
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918