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348 Stefan Lehr mit einem Exkurs von Tomáš Borovský
Berufungsvorschlages wurde Pfitzner noch aequo loco mit dem Wiener Privatdozenten
Otto Brunner vor Pirchan genannt. Im März 1930 verließ Mayer jedoch Prag, um seinem
Ruf nach Gießen Folge zu leisten und dadurch veränderte sich das Kräfteverhältnis in
der Kommission deutlich zugunsten von Pirchan. Bereits zuvor war es Wostry gelungen,
Zatschek für Pirchan zu gewinnen95. Pfitzner, so lautete die Argumentation, habe bereits
einen Lehrstuhl inne und seine Umbesetzung sei derzeit nicht hilfreich. Die Kommis-
sion legte die Endfassung ihres Berufungsvorschlages im Dezember 1930 dem Professo-
renkollegium und anschließend dem Ministerium vor. An erster Stelle standen nun der
Innsbrucker außerordentliche Professor Adolf Helbok, an zweiter Brunner und an dritter
aequo loco Pirchan und der Freiburger Privatdozent Hermann Heimpel.
Die sich lange hinziehenden Berufungsverhandlungen um die Mayer-Nachfolge waren
auch Gesprächsstoff der deutschen Archivkollegen Pirchans. Bergl berichtete Blaschka
im Juni 1930 aus Karlsbad, dass er auch schon das Ergebnis der Sitzung des geschlos-
senen Professorenkollegiums von anderer Seite bereits erfahren habe96. Demnach solle
die Kommission den Vorschlag derart umarbeiten, dass Pfitzner ganz herausfalle. Sollte
Wostry auch weiterhin ein mutiger Knabe bleiben, so könnte Pirchan laut Bergl an die
zweite Stelle in der Liste aufrücken, ja sogar die erste Stelle wäre nicht ausgeschlossen.
Wichtig sei es jetzt, dass die eine oder andere gute Rezension zu Pirchans Werk erscheine.
Klicman besprach mit Bergl diese Frage ebenfalls und wünschte, dass auch eine posi-
tive Besprechung in einer nichtdeutschen Zeitschrift publiziert werde97. Die Berufung
Pirchans an die Universität war nämlich auch mit der Frage der Nachfolge Klicmans im
Archiv des Innenministeriums verbunden. Pirchan hätte als dienstältester Beamter nach
Klicman und stellvertretender Direktor grundsätzlich gute Aussichten auf diese Stelle
gehabt. Dass in der Tschechoslowakischen Republik das zentrale Staatsarchiv des Landes
von einem Deutschen geleitet würde, war in jener Zeit allerdings schwer vorstellbar98.
Prag nicht in die engere Wahl gezogen und wird in den Kommissionsberichten nicht genannt. 1933 erfolgte
Koebners Entlassung und er emigrierte nach Palästina. Zu ihm siehe Jehoshua Arieli, Richard Koebner –
Zeitwende und Geschichtsbewußtsein, in : Richard Koebner : Geschichte, Geschichtsbewußtsein und Zeit-
wende. Vorträge und Schriften aus dem Nachlaß, hg. vom Institut für Deutsche Geschichte der Universität
Tel Aviv (Gerlingen 1990) 22–48 ; Eduard Mühle, Für Volk und Deutschen Osten. Der Historiker Hermann
Aubin und die deutsche Ostforschung (Schriftenreihe des Bundesarchivs 65, Düsseldorf 2005) 100–104, 212.
95 Sechs Tage vor der ersten Kommissionssitzung teilte Pfitzner Hirsch diese soeben von Mayer erfahrene
Neuigkeit mit. Pfitzner an Hirsch, 20.02.1930. MÚA, NL Pfitzner. Alena Míšková danke ich an dieser Stelle
herzlich für die Möglichkeit, in ihr Manuskript der Edition der Korrespondenz zwischen Pfitzner und Hirsch
Einblick zu nehmen, sowie für Fotografien der Briefe und Postkarten Pirchans an Pfitzner.
96 Bergl an Blaschka, 09.06.1930. NL Blaschka, K. 6, Inv.-Nr. 12.
97 Bergl an Blaschka, 19.06.1930. Ebd.
98 Bereits am 28.06.1919 schrieb Klicman an das Präsidium des Innenministeriums über Pirchan : Er ist ein sehr
gut qualifizierter Beamter, aber er ist ein Deutscher, Mitglied des Deutschen Casinos und ein Freund des bekannten
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien