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Gustav Pirchan (1881–1945) 349
Pirchans Berufung auf den universitären Mittelalterlehrstuhl bot daher eine elegante
Möglichkeit für die 1934 erfolgte99, politisch opportune Neubesetzung des Archivdirek-
torpostens mit Jaroslav Prokeš100.
Obwohl Pirchan im Kommissionsbericht vom Dezember 1930 wie gesehen erst an
dritter Stelle vorgeschlagen wurde, geht aus den Korrespondenzen der deutschen Prager
Historiker hervor, dass man bereits mit Pirchan als neuem Lehrstuhlinhaber rechnete. So-
mit steht seine Berufung an die Deutschen Universität für einen Trend, den zuletzt Pavel
Kolář beobachtet hat : Das tschechoslowakische Schulministerium bevorzugte einheimi-
sche gegenüber ausländischen Bewerbern101. Pirchan war der einzige Kandidat, der die
tschechoslowakische Staatsbürgerschaft besaß und die tschechische Sprache beherrschte.
Überdies konnte sich das Ministerium über die Zuverlässigkeit und Loyalität des Kandi-
daten gegenüber dem tschechoslowakischen Staat bei Pirchans tschechischen Vorgesetz-
ten bestens informieren. Zweifelsohne war der von den Prager deutschen Professoren an
erster Stelle nominierte Helbok als Exponent der deutschen „Volksgeschichte“ und wegen
seiner sonstigen Aktivitäten aus Sicht des tschechoslowakischen Schulministeriums kein
geeigneter Bewerber. Die Behörde begründete Pirchans Nominierung dann auch expli-
zit damit, einen „einheimischen“ Bewerber fördern zu wollen102. Bereits am 28. Januar
1931 zog das Schulministerium beim Präsidium des Innenministeriums bezüglich der
Berufung Pirchans Erkundigungen ein. Die Innenbehörde bezeichnete den Kandidaten
in ihrer Antwort als ausgezeichneten Archivbeamten103, doch sei sie bereit, ihn für die
Erlangung der Professur aus seinem Amt scheiden zu lassen. Allerdings zogen sich die
Verhandlungen zwischen dem Finanz-, Innen- und Schulministerium und Pirchan noch
länger hin und seine Ernennung erfolgte erst im Frühjahr 1933104.
Dr. Lodgman. In den heutigen Verhältnissen, und sicherlich noch viele Jahre wäre es eine auch politisch höchst
problematische Sache, dass die Leitung des Archivs des Innenministeriums – des wichtigsten von allen staatlichen
Verwaltungsarchiven – auch nur vorübergehend ein Deutscher führen sollte. Und es wird sicherlich noch viel Zeit
vergehen, bis sich zeigen wird, ob die böhmischen Deutschen wirklich loyale Bürger und damit auch loyale und
zuverlässige Beamte unserer Republik sind. Pirchan vertrat jedoch Klicman auch in der Folgezeit. NA, PMV,
PA Jan Opočenský, K. 26.
99 Vgl. Odložilík, Nachruf (wie Anm. 53)114.
100 Zu Prokeš siehe Josef Kollmann, Dr. Jaroslav Prokeš, archivář, historik, učitel [Dr. Jaroslav Prokeš, Ar-
chivar, Historiker und Lehrer], in : Paginae Historiae 5 (1997) 123–155 ; Milada Sekyrková, Život a dílo
archiváře a historika Jaroslava Prokeše [Das Leben und Werk des Archivars und Historikers Jaroslav Prokeš],
in : SAP 39 (1989) 395–465.
101 „Am Ende [wurde] in der Regel eine inländische, fachlich jedoch weniger angesehene Lehrkraft berufen.“
Kolář, Geschichtswissenschaft in Zentraleuropa 1 (wie Anm. 3) 46.
102 Schulministerium an PMV, 28.01.1931. NA, PMV, PA Pirchan, K. 268.
103 Ebd.
104 Bei den Verhandlungen, die Pirchan mit dem Schulministerium führte, zeigte er sich der Behörde zufolge
bei seinen Forderungen nicht besonders zurückhaltend. Auch in den Gesprächen zwischen dem Schulminis-
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien