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Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
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Gustav Pirchan (1881–1945) 353 nen122. Auf der Feier, die vom 16. bis 18. Oktober 1937 in Prag stattfand, sprach Pirchan als Geschäftsführer des Vereines zu dessen historischer Entwicklung und Aufgaben123. Im April 1938 trat er der Sudetendeutschen Partei in Prag bei. Zuvor war er allem An- schein nach und im Unterschied zu vielen seiner deutschen Prager Kollegen124 politisch nicht organisiert gewesen. Seine im Mai 1939 beantragte NSDAP-Mitgliedschaft lehnte im September 1939 das „Gaugericht“ mit dem Argument ab, seine Ehefrau sei nicht frei von jüdischem Rasseeinschlag, ihr Urgrossvater Jude. Auch die Unterstützung durch Orts- gruppen- und Kreisleiter sowie Pirchans Mitgliedschaft in der Sudetendeutschen Partei und anderen „völkischen“ Organisationen änderten an dieser Ablehnung nichts125. Zwei- felsohne bedeutete die nicht „reinrassische“ Herkunft seiner Frau und seine fehlende NS– Mitgliedschaft für ihn im Protektorat ein Manko126. Die überwiegende Mehrheit seiner 122 Lemberg, Verein (wie Anm. 2) 228. 123 75 Jahre!, in : MVGDB 76 (1938) 6–12. Zum Ablauf der Feier siehe Kurt Oberdorffer, Die 75-Jahrfeier des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen, in : MVGDB 75 (1937) 123–125. 124 Blaschka gehörte Anfang der 1920er-Jahre der Deutschen Christlichsozialen Volkspartei in der Tschecho- slowakei an. Rudolf Schreiber war zu Beginn der 1930er-Jahre Reichsjugendleiter dieser Partei. Bergl ge- hörte 1934 dem Bund der Landwirte an. Im Zweiten Weltkrieg waren sie alle Mitglieder der NSDAP. SOA Litoměřice, pobočka Děčín. RA Clam-Gallasů, NL Bergl, K. 669 ; Die „sudetendeutsche Geschichtsschrei- bung“ (wie Anm. 3) 225, 262–263. 125 Auf die Frage : Ist der Ehegatte frei von jüdischem oder farbigem Rasseeinschlag ?, gab Pirchan an : arisch nach den Nürnberger und den Dozentengesetzen (ein nichtarischer getaufter Urgroßvater). Das Gaugericht berichtete an das NSDAP-Mitgliedschaftsamt Folgendes : Trotz der Tatsache, daß die Ehefrau Pirchans nicht frei vom jüdi- schen Rasseeinschlag ist, haben der zuständige Ortsgruppenleiter und der Kreisleiter den Aufnahmeantrag befür- wortet, weil der Ahnenpaß des Antragstellers selbst den Vorschriften des deutschen Dozentenbundes entspricht. Aus dem Fragebogen ist ersichtlich, daß der Urgroßvater der Ehegattin des Antragstellers Jude und sie daher nicht frei vom jüdischen Rasseeinschlag ist. Dies bildet einen zwingenden Ablehnungsgrund. Der Aufnahmeantrag des Dr. Gustav Pirchan ist daher trotz Befürwortung durch den Ortsgruppenleiter und Kreisleiter und trotz seiner Mit- gliedschaft bei der SdP und anderen völkischen Organisationen abzulehnen. Im Oktober 1940 erklärte sich die NSDAP-Reichsleitung, vertreten durch das Mitgliedschaftsamt der NSDAP in München, mit der Aufnah- meablehnung einverstanden. NSDAP, Gauleitung Sudetenland, Gaugericht an das Kreisgericht der NSDAP, 14.09.1939. NA, NSDAP, Sign. 123–433–2/44,45, K. 433 ; BAB, BDC PK : Pirchan, Gustav 03.02.1881 ; Mitgliedschaftsamt der NSDAP, 03.10.1940. Im UAP, NL Pirchan befinden sich genealogische Unterlagen zur Familie seiner Ehefrau Elisabeth, geb. Stradal, die Karl Stradal 1915 zur Erstellung einer Familienchronik betrieben hatte. In diesen Dokumenten finden sich keine Hinweise darauf, dass Elisabeth Pirchan einen jüdi- schen Urgroßvater hatte. UAP, FF NU, NL Pirchan, K. 96, Inv.-Nr. 115. 126 Ein ähnlicher Fall war der Breslauer Historiker Aubin, dessen Ehefrau ebenfalls einen jüdischen Urgroßvater („jüdischer Mischling 2. Grades“) hatte. So wie auch Aubin bekannt war, dass Ehemänner jüdischer und halbjüdischer Frauen aus den Ämtern gedrängt wurden, wird dies auch Pirchan gewusst haben. Die „Ari- sierung“ an der Prager Universität erlebte er mit. Vgl. Eduard Mühle, Für Volk (wie Anm. 94) 106–108 ; ders., Hermann Aubin, der ‚deutsche Osten‘ und der Nationalsozialismus – Deutungen eines akademischen Wirkens im Dritten Reich, in : Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften 1 : Fächer – Milieus – Karri- eren, hg. v. Hartmut Lehmann, Otto Gerhard Oexle (Göttingen 2004) 531–591, hier 578–579.
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Österreichische Historiker Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Österreichische Historiker
Untertitel
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
Band
2
Autor
Karel Hruza
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78764-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
678
Schlagwörter
Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
Kategorie
Biographien
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