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Gustav Pirchan (1881–1945) 355
diejenige der Prager Kollegen. Pirchan befand sich zu jener Zeit auf der Rückreise vom
Historikerkongress in der Schweiz über Italien und Österreich, wo er seine Mutter in
Eggenburg besuchte. Die Reise und einen anschließenden fünfwöchigen Urlaub hatte
er bereits im Juni 1938 beantragt135. Im November 1938 sprach er sich zusammen mit
weiteren „deutscharischen“ Hochschullehrern und Wissenschaftlern aus „volkstumspo-
litischen“ Gründen und nach einem offenen Bekenntnis zu Hitler136 für die Verlegung
der Prager Universität ins Sudetengebiet aus. Auf der Hauptversammlung der tschecho-
slowakischen Archivgesellschaft erschien Pirchan zum letzten Mal im April 1938. Für
die Sitzungen im März 1940 und die vorerst letzte im Juni 1941 ließ er sich entschuldi-
gen137. Bereits Anfang November 1938 hatte er schriftlich auf sein Amt im Ausschuss der
Vereinigung verzichtet138. Allem Anschein nach erschien ihm zu diesem Zeitpunkt die
Mitgliedschaft in einer tschechoslowakischen Organisation unpassend.
Aufgrund des Antrags auf eine NSDAP-Parteimitgliedschaft und Änderungen bezie-
hungsweise Ergänzungen für die Vereinsfestschrift zum Sudetendeutschtum sowie anderer
publizistischer Äußerungen wird man feststellen können, dass Pirchan die Zäsuren vom
September 1938 und März 1939 begrüßte. Im August 1939 suchte er nach einem Titelbild
für die in zweiter Auflage erscheinende Vereinsfestschrift über das Sudetendeutschtum.
Er und seine Kollegen dachten monatelang über ein „Sinnbild des Sudetendeutschtums“
nach, ohne jedoch etwas Passendes zu finden. Dann hatte Pirchan den Einfall, ein Bild
heranzuziehen, das Hitler beim Einzug in das Sudetenland zusammen mit einem älteren
Alena Míšková, Deutsche Professoren aus den böhmischen Ländern. „Flüchtlinge“ in der Zeit vor und
nach den Münchner Verhandlungen, in : Prager Professoren (wie Anm. 19) 27–43 ; dies., Deutsche (Karls-)
Universität (wie Anm. 6) 48–58 ; Hruza, Zatschek (wie Anm. 66) 763–765.
135 Schreiben des zuständigen Dekans vom 28.06.1938. UAP, FF NU, PA Pirchan, K. 50. Pirchan teilte dem
Dekan regelmäßig seinen Aufenthaltsort (29.10. Lugano, 10.10. Verona, 21.10. Eggenburg) mit und kehrte
auf Anforderung des Prodekans am 02.11.1938 zurück nach Prag. Auch von Wostry ließ er sich wiederholt
über die Lage informieren.
136 Sie erklärten feierlich, dass sie freudig bereit seien, für Führer und Volk alle ihre Kräfte einzusetzen. Abdruck
der Erklärung bei Hruza, Zatschek (wie Anm. 66) 782–784.
137 Zápisy valné hromady [Protokolle der Hauptversammlung] 13.04. und 29.04.1938, 13.06.1941. NA, ČAS,
K. 1.
138 Am 09.04.1939 verzichtete Pirchan erneut auf seine Mitgliedschaft. Der Ausschuss bedankte sich daraufhin
bei ihm für seine verdienstvolle Tätigkeit. Doch dann erschien Pirchan bei Archivdirektor Bedřích Jenšovský
und meinte, er sei falsch verstanden worden und möchte als Angehöriger des neu errichteten Protektorats
auch weiterhin im Ausschuss der Gesellschaft präsent sein. Anfang Dezember 1939 resignierte er dann noch
einmal auf sein Amt als Kassenwart und erklärte, dass er ebenso wie die anderen deutschen Archivare des
Protektorats weiterhin der Gesellschaft als Mitglied angehöre. Protokoll über die Sitzung des Ausschusses der
Archivgesellschaft vom 01.12.1939 und 19.01.1940. Archiv hlavního města Prahy [Archiv der Hauptstadt
Prag], Archivní společnost, K. 1. Jan Kahuda danke ich für den Hinweis auf diese Quelle.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien