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362 Stefan Lehr mit einem Exkurs von Tomáš Borovský
Pirchans früheste erhaltene Publikation mit dem Titel „Deutschböhmens Daseins-
kampf in der Geschichte“ stammt aus der Zeit des politischen Umbruchs des Jahres
1918, der in der Entstehung des selbstständigen Staates Tschechoslowakei am 28. Okto-
ber 1918 gipfelte. Der Beitrag war noch vor der Unabhängigkeit des Landes im Sommer
1918 geschrieben worden und erschien nach einem Aufsatz von Lodgman von Auen
zur „Selbstbestimmung Deutschböhmens“ in derselben Zeitschrift178. Pirchans Aufsatz
widmet sich der Frage des Zusammenlebens von Deutschen und Tschechen und generell
der Geschichte der Deutschen in den böhmischen Ländern. Diesem Thema galt auch ein
im August 1926 während der Sudetendeutschen Kulturwoche gehaltener Vortrag über
„Böhmen und das Reich“. Letztmalig widmete sich Pirchan dem „Sudetendeutschtum“
in der bereits erwähnten Vereinsfestschrift von 1937.
Bei der Lektüre von „Deutschböhmens Daseinskampf“ spürt man die emotionale An-
spannung, mit welcher der Beitrag geschrieben wurde. Pirchan vereinfacht hier das Jahr-
hunderte währende friedliche Zusammenleben der beiden Volksgruppen in Böhmen zu
einer vermeintlichen Bedrohung der Deutschen durch die Tschechen. So ringe „seit Jahr-
hunderten des Tschechentums gesammelte Kraft“ um die vollständige Besitzergreifung
des ganzen Landes179. Immer wieder zögen tschechische Sturmwellen über das deutsch-
böhmische Land und richteten sich gegen alles Deutsche180. Die Tschechen seien „feind-
selig wider jegliches Deutschböhmen, feindselig wider seine deutschen Prediger, feindse-
lig wider jeden öffentlichen deutschen Sprachgebrauch“181. „Deutschböhmens Sendung
in der Geschichte“ sieht Pirchan in der Abwehr der tschechischen Angriffe und dem
Schutz des deutschen Volkstums. Der Beitrag wirkt wie eine Umkehrung der These Pala-
ckýs von den friedliebenden Slawen bzw. Tschechen und den aggressiven Germanen bzw.
schichte des Vereines seit 1861 nach. Wie auch in seinen anderen Beiträgen zu den Deutschen in Böhmen
ging er von einer vermeintlichen defensiven Reaktion und Abwehr der deutschen Geschichts- und Heimat-
forschung mit Blick auf die vornehmlich von Palacký geprägte und als bedrohlich empfundene nationaltsche-
chische Geschichtsschreibung aus. Dementsprechend setzte sich der Text kritisch mit Palackýs politischem
und geschichtlichem Werk sowie den Polemiken auseinander, die die Vereinsvorstände Höfler und Schlesin-
ger gegen den tschechischen Historiker und das staatsrechtlich-föderalistische Programm der Tschechen ins
Feld geführt hatten. Gustav Pirchan, Der Verein für Geschichte der Deutschen in Böhmen im Wandel der
Zeitgeschichte, in : MVGDB 61 (1923) 69–115 ; Gustav Pirchan, 60 Jahre deutsche Geschichtsforschung
in Böhmen, in : Böhmerlandjahrbuch 5 (1924) 16–20.
178 Pirchan, Deutschböhmens Daseinskampf (wie Anm. 176) 4. Vgl. hierzu auch Wilhelm Wostry, Sudeten-
deutsche Geschichte 1918–1938. Forschung und Darstellung, in : Deutsche Ostforschung. Ergebnisse und
Aufgaben seit dem Ersten Weltkrieg, hg. v. Herman Aubin (Leipzig 1943), 488–530, hier 499–500.
179 Pirchan, Deutschböhmens Daseinskampf (wie Anm. 176) 5.
180 „Denn politisch-nationaler Kampf wider alles deutsche Sonderwesen im Lande, und Kulturkampf im weites-
ten Sinn, nicht nur Abwehr, wider das reichsdeutsch-österreichische Mitteleuropa, das ist die Achse, um die
[…] die aufsteigende Linie der tschechischen Geschichte immer wieder kreist.“ Ebd. 11.
181 Ebd. 9.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien