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Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Seite - 364 -
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364 Stefan Lehr mit einem Exkurs von Tomáš Borovský Kultur des romanisch-germanischen Westens“186. Böhmen und das Reich seien kontinu- ierlich durch ein Lehensverhältnis verbunden gewesen. Zugleich betonte der Historiker aber auch die selbstständige Politik des böhmischen Adels und der böhmischen Fürsten und Könige sowie ihre Einflussnahme auf die Reichspolitik187. Pirchan zeichnete sodann die Entwicklung der tschechischen historischen Forschung zu den staatsrechtlichen Be- ziehungen nach und stellte bei zeitgenössischen tschechischen Historikern wie Václav Novotný und Jan Kapras einen ähnlichen Standpunkt zu dieser Frage wie seitens der deutschen Forschung fest188. Neben dem vermeintlich dominanten deutschen Einfluss verschwieg Pirchan nicht die kulturellen Einwirkungen anderer europäischer Regionen auf Böhmen189. Die Hussitenzeit wird „als politischer und ideeller Bruch mit dem Wes- ten“ dargestellt, obwohl sie – wie auch Pirchan bekannt gewesen sein musste – von den Lehren des englischen Theologen John Wyclif inspiriert war. Während die staatsrechtli- chen Beziehungen Böhmens zu Deutschland spätestens 1866 definitiv abbrachen, wies Pirchan darauf hin, dass „nicht die Beziehungen von Fürsten und Staaten, sondern tief im Boden und gleich tief in den Menschenseelen wurzelnde, freundliche oder gegensätzliche Kulturbeziehungen von Volk zu Volk […] die letzten Fragen historischer Entwicklun- gen“ entscheiden190. Beide Völker, Deutsche und Tschechen, seien „ihren eigentümlichen Weg gegangen : die Deutschen, mit ihrer Schaffenskraft vor allem der engeren Heimat zu gewandt, dabei durch ihre Stammeseigenheit oft mehr unbewußt als bewußt dem großen Mutterlande verbunden“191. Pirchan kann nicht überzeugen, wenn er für die Zeit nach 1848 vom „Ringen [der Tschechen] um das Vorrecht der tschechischen Sprache“192 schreibt : Die tschechischen Forderungen beschränkten sich tatsächlich auf eine – bis 1918 nie gewährte – vollständige Gleichberechtigung mit der deutschen Sprache193. Die 186 Ebd. 4. 187 „In der Ausübung seines Fürstentumes im Lande blieb er von jeglicher Einschränkung durch den Lehens- herrn frei.“ Ebd. 7 ; „ […] deutlich dafür, daß das Land Böhmen, unbeschadet der inneren Machtstellung der einheimischen Dynastie und unbeschadet der inneren Selbständigkeit der Krone des Königreiches, durch alle Jahrhunderte als Lehen mit dem deutschen Reiche verbunden war.“ Ebd. 12. 188 Ebd. 11. 189 So lag im Zeitalter Karls IV. „auf dem Lande Böhmen der stärkste Abglanz abendländischer Zeitkultur, einer Kultur, zu der Italien, Süd- und Nordfrankreich, v.a. aber doch wieder die deutschen Lande […] ihr Wert- vollstes beigetragen haben“. Ebd. 10. 190 Ebd. 12f. 191 Ebd. 13. 192 Ebd. 14. 193 Die Einführung des Tschechischen als „innerer“ Amtssprache neben dem Deutschen unter dem Minister- präsidenten Badeni scheiterte 1897 an vehementen Protesten deutschnationaler Kräfte in Böhmen. Zur Sprachenfrage vgl. Peter Haslinger, Sprachenpolitik, Sprachendynamik und imperiale Herrschaft in der Habsburgermonarchie 1740–1914, in : ZfO 57 (2008) 81–111 ; Hans Mommsen, 1897 : Die Badeni-Krise
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Österreichische Historiker Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Österreichische Historiker
Untertitel
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
Band
2
Autor
Karel Hruza
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78764-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
678
Schlagwörter
Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
Kategorie
Biographien
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