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Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
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Gustav Pirchan (1881–1945) 365 Sendung der Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei sah er darin, die Beziehungen zum „heiligen Reiche deutscher Kultur“ aufrecht und lebendig zu halten. „Es geht dabei vor allem um die Festigung und Vertiefung des eigenen Volkstums, nicht um die Gefähr- dung eines anderen, es ist dies ein Ringen, in dem Gewalt gar nichts […] gilt“194. Im Beitrag von 1937 sprach Pirchan wie zuvor von Böhmen als einem Zweivölkerstaat, dessen wesentliches Kennzeichen die nationale Spannung sei. Diese sei jedoch „durch- aus nicht nur gegensätzlich“ und könne „im Zeichen höherer kulturgemeinschaftlicher Ziele und vor allem im Zeichen einer den Völkerzwist mildernden Staatskunst gelöst werden“195. Es sei „eine Spannung, bei der das Emporkommen des einen Volkes nicht durch den Niedergang des anderen bedingt sein muß“196. Es gelte „den gerechten Aus- gleich von Volk zu Volk“ zu suchen sowie „auf gemeinsam erlebter Geschichte und ge- meinsam geschaffener Kultur die völkerverbindende, höhere politische Gemeinschaft zu bauen“. Palackýs Worte vom Zwang immerwährenden Widerstreits des tschechischen Volkes wider deutsches Wesen scheinen ihre Geltung verloren zu haben197. Die Sude- tendeutschen, das zweite historische Volk im tschechoslowakischen Staate, sollten „nicht ‚ein Keil’ zwischen dem tschechischen Siedlungsgebiete und der übrigen deutschen Welt, sondern ‚ein Band’ zwischen beiden“ sein198. Wie in der Version von 1918 sprach Pirchan in diesem Text auch von einem „schroffen Gegeneinander“, welches der dem Geiste der Romantik entsprossene nationale Gedanke verursacht habe. Gleichzeitig bezeichnete er jedoch die vorhergehenden Epochen des Humanismus, der Reformation und Gegenre- formation sowie der Aufklärung als ein langes Zeitalter des Miteinanders199. In der zweiten Auflage vom Sommer 1939 gehörte Pirchan ebenso wie Weizsäcker, Pfitzner und Cysarz zu den Autoren, die die Gelegenheit nutzten, „frei und offen“ das NS-Regime zu begrüßen und mit der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit „abzurechnen“200. Bezeichnenderweise fehlten in Pirchans Beitrag gegenüber der ersten Auflage nun mehrere Passagen201. Dazu zählte der Satz, die Idee des tschechoslowaki- schen Staates könne keine andere sein, als beiden Völkern einen vollwertigen politisch- als Wendepunkt in den deutsch-tschechischen Beziehungen, in : Wendepunkte in den Beziehungen zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken 1848–1989, hg. v. Detlef Brandes (Essen 2007) 111–118. 194 Pirchan, Böhmen und das Reich (wie Anm. 184) 15. 195 Pirchan, Sudetendeutschtum 1937 (wie Anm. 176) 571. 196 Ebd. 197 Ebd. 594. 198 Ebd. 593. 199 Ebd. 590. 200 Lemberg, Verein (wie Anm. 2) 228. 201 U.a. „Und die Zeiten, da man mit romantischen Hypothesen oder gar mit Fälschungen auf Geschichte und Geist der Völker erfolgreich und nutzbringend zu wirken vermochte, sind endgültig vorbei.“ Pirchan, Su- detendeutschtum 1937 (wie Anm. 176) 567.
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Österreichische Historiker Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Österreichische Historiker
Untertitel
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
Band
2
Autor
Karel Hruza
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78764-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
678
Schlagwörter
Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
Kategorie
Biographien
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