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Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Seite - 367 -
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Gustav Pirchan (1881–1945) 367 fasste sich beispielsweise mit Johannes von Tepl, dem Autor des „Ackermanns von Böh- men“. Pirchan interpretierte dessen Werk, verglich ihn mit Dante und behandelte klassi- sche Fragen wie die der zeitlichen Verortung (in Mittelalter oder Frühhumanismus) und des Vorliegens autobiografischer Züge206. Ein Aufsatz zu Prokop Waldvogel fasste die vor- handenen Kenntnisse über den aus Prag stammenden und im 15. Jahrhundert in Avignon wirkenden Goldschmied zusammen207. Dieser stellte Buchstabenstempel her, praktizierte jedoch keinen Buchdruck in der Art Gutenbergs. Pirchan zeigte sich hier als guter Kenner der Buchdruckerkunst. Im zweiten Teil der Studie berichtete er über seine mehrmonatige (!) erfolglose Suche nach Unterlagen zu Prokop Waldvogel im Prager Stadtarchiv208, um dann über den Prager Bürger und Messerschmied Georg Waldvogel zu berichten, bei dem er eine verwandtschaftliche Verbindung mit Prokop vermutete. Der letzte Beitrag Pirchans erschien 1944 und war seinem Lehrstuhlvorgänger Theo- dor Mayer zum 60. Geburtstag gewidmet209. In ihm behandelte der Prager Historiker die Frage, ob Karl IV. den Bau der Burg Karlstein (Karlštejn) für die Reichskleinodien oder Reliquien plante, ob diese also seinem „Reichsdenken“ entsprungen sei. Pirchan betonte ausdrücklich, dass der Kaiser die Burg für die Reliquien bauen ließ und dabei an seine dynastischen Nachfolger, Böhmen und „sein Volk“ dachte und erst zu einem späteren Zeitpunkt die Reichskleinodien nach Karlstein bringen ließ210. Somit blieb er in seiner letzten Arbeit dem Grundsatz strenger Quellenkritik treu und gab sich nicht für eine propagandistisch ausgerichtete Geschichtsschreibung her211. Zudem zeigte er sich noch einmal als guter Kenner der Zeit Karls IV. Dass Pirchan der Versuchung des NS-Regimes aber durchaus nicht konsequent widerstand und sich mit seinen Texten gelegentlich in dessen Dienst stellte, zeigt ein Beitrag von 1942. Darin schrieb er in Bezug auf die Pra- ger Burg als Herrschersitz unter anderem von der „mythischen Kraft, die den Königsge- die schon den Zeitgenossen als ruhmvoller Sieg des deutschen Vaterlandes galt.“ Gustav Pirchan, Aus der Frühzeit des Buchdruckes, in : Böhmen und Mähren 3 (1942), 102–103, hier 103. 206 Ebd. (wie Anm. 172). 207 Pirchan, Prokop Waldvogel (wie Anm. 172). 208 Der leitende Gedanke des Beitrags lag Pirchan zufolge darin, der Spur Prokops in den heimischen Ge- schichtsquellen nachzugehen, um so diese „schwankende Gestalt aus der Vorzeit deutscher Druckkunst der deutschprager Volksgeschichte, in der sie einst wurzelte“, näherzubringen. Ebd. 145. 209 Pirchan, Karlstein (wie Anm. 172). Zur Festschrift vgl. Hruza, „Wissenschaftliches Rüstzeug“ (wie Anm. 65) 516f.; Helmut Maurer, Theodor Mayer (1883–1972). Sein Wirken vornehmlich während der Zeit des Nationalsozialismus, in : Österreichische Historiker (wie Anm. 66) 494–530, hier 500. Vgl. auch einen Brief Mayers an Pirchan v. 07.01.1945, in dem er meinte, man solle Karl IV. nicht verfälschen. Stadtarchiv Kons- tanz, NL Mayer. 210 Pirchan, Karlstein (wie Anm. 172) 64, 67, 87. 211 Andererseits schrieb er in dem Text auch, „alle Betrachtungen deutscher Geschichte, alle Beurteilung deut- scher Könige und Kaiser erhalte Maß und Wertung vom Reichsgedanken aus“. Ebd. 87.
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Österreichische Historiker Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Österreichische Historiker
Untertitel
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
Band
2
Autor
Karel Hruza
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78764-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
678
Schlagwörter
Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
Kategorie
Biographien
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