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372 Stefan Lehr mit einem Exkurs von Tomáš Borovský
sudetendeutschen Kollegen234, unter anderem eine Festschrift für den überzeugten sude-
tendeutschen Nationalsozialisten Gierach im Jahr 1943235. Eine Besprechung des Werkes
Pfitzners über Karl IV. war insgesamt wohlwollend, enthielt aber auch einige Kritik236.
So betrachtete Pfitzner laut Pirchan den Kaiser zu sehr aus der Sicht der aktuell vorherr-
schenden Ansichten, statt die Zeitumstände, in denen Karl IV. lebte, stärker zu berück-
sichtigen. Pirchan störte dabei nicht, dass der Autor Fragen nach dem Volkstum und
auch „Problemen rassen- und erbbiologischer Art“ nachging. Auf Kritik des Rezensenten
stieß vielmehr Pfitzners negative Bewertung der Persönlichkeit Karls. Pirchan selbst hob
immer wieder positive Eigenschaften und die Leistungen Karls IV. hervor, den er unter
anderem als „verantwortungsbewussten Walter seines hohen Amtes für den allgemeinen
Frieden, für die Sicherung der Ostflanke des deutschen Lebensraumes“ würdigte. Außer-
dem hielt er Pfitzner entgegen, dass es beispielsweise Zatschek „bei einer bewussten volks-
geschichtlichen Einstellung“ in seinem Lebensbild des Kaisers gelungen sei237, diesen als
aktiven Gestalter seines Zeitalters zu kennzeichnen. Es war also vornehmlich die kritische
Darstellung der Persönlichkeit des Kaisers und nicht die volksgeschichtliche Ausrichtung
des Autors, die dem Rezensenten missfiel.
VIII. Fazit
Der gebürtige Wiener Gustav Pirchan, der seine Kindheit im ostböhmischen Jitschin
in tschechischer Umgebung verbrachte, war von seinem Studienbeginn 1899 bis zu sei-
nem Lebensende ein Prager Deutscher. Regelmäßige Studienreisen führten ihn außer
nach Deutschland und Österreich auch nach Italien, Frankreich, Jugoslawien und in die
Schweiz und erweiterten seinen Blickwinkel. Seine berufliche Laufbahn begann er als
Archivar noch in der Habsburgermonarchie. Obwohl er sich 1918 spürbar negativ ge-
genüber den Tschechen geäußert hatte, überstand er den Umsturz, der mit der Entste-
hung der Tschechoslowakei in demselben Jahr verbunden war, unbeschadet und wurde
in den folgenden Jahren vom tschechischen Archivdirektor Klicman protegiert und bis
234 Gustav Pirchan, Eduard Winter, Tausend Jahre Geisteskampf im Sudetenraum. Das religiöse Ringen zweier
Völker (Salzburg/Leipzig 1938), in : Leipziger Vierteljahrschrift für Südosteuropa 3 (1939) 311–313 ; ders.,
Heinz Zatschek, Wie das erste Reich der Deutschen entstand (Prag 1940), in : ZSG 4 (1940) 229–230.
235 Gustav Pirchan, Wissenschaft im Volkstumskampf. FS, Erich Gierach zu seinem 60. Geburtstag überreicht
von Freunden, Schülern und Fachgenossen, hg. v. Kurt Oberdorffer, Bruno Schier, Wilhelm Wostry
(Reichenberg 1941), in : ZGS 6 (1943) 381–383.
236 Gustav Pirchan, Josef Pfitzner, Kaiser Karl IV (wie Anm. 227).
237 Heinz Zatschek, Karl IV., in : Gestalter Deutscher Vergangenheit, hg. v. Peter Richard Rohden (Potsdam/
Berlin 1937) 172–185.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien