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Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Seite - 376 -
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376 Stefan Lehr mit einem Exkurs von Tomáš Borovský Weise gewisse Personen (vgl. vor allem in den Exkursen im zweiten Band) oder Milieus charakterisiert. Obwohl im Buch die Schilderung der politischen Verhandlungen und die „histoire evenementielle“ den meisten Platz einnehmen, schafft es Pirchan auch beim Darstellen von Einzelereignissen den Eindruck der Vollständigkeit und einer lebendigen Skizzierung zu vermitteln, ohne dass dies auf Kosten der Genauigkeit oder um den Preis einer phantasiegesteuerten Interpretation der Quellen geschähe (vgl. z.B. die Schilderung von Karls Ankunft in einzelnen italienischen Städten).239 Der ständige direkte Rückbezug auf die Quellen als natürliche Grundlage des „wahrheitlichen Charakters“ der Darstel- lung bleibt erhalten, die enthaltenen Interpretationen betreffen vorwiegend die Ebene des politischen Geschehens und Fragen zur Verwaltung oder Textanalyse. Dagegen hält sich Pirchan von der Skizzierung abstrakterer geschichtlicher Prozesse fern. Dank „Italien und Kaiser Karl IV.“ und Pirchans intensiven Forschungen in italie- nischen Archiven und Bibliotheken können frühere Arbeiten über diese Ära von Karls Herrschaft als überholt gelten. Das Werk unterscheidet sich von diesen auch durch sein spezifisches Verständnis der Person des Kaisers. Karl IV. zieht nicht nach Italien als „deut- scher“ Kaiser, der dort die in entfernter Vergangenheit begründete Herrschaft römisch- deutscher Kaiser und Könige zu erneuern trachtet, sondern als Schlichter, Realist und führender Gestalter der aktuellen Politik, der auf die Festigung der kaiserlichen Macht bedacht ist, von der er das Wohl des ganzen Reiches abhängig sieht. Nach einer um- fangreichen Schilderung aller Verhandlungen Karls über die Restitution des Kirchen- staates und die Rückkehr der Kurie nach Avignon schließt er den Erzählstrang in Form einer dramatischen Abkürzung ab, indem er mit knappen Worten den vollkommenen Misserfolg des Kaisers konstatiert.240 Gewissermaßen sind für die Charakterisierung von Pirchans Herangehensweise möglicherweise die Verhältnisse Italiens am wichtigsten, wie dies schon aus dem Titel des Buches hervorgeht – also ein Land, das durch Stadtstaaten gekennzeichnet ist, die eine lange geteilte Vergangenheit und Kultur verbindet, welche damals vor allem auf dem Gebiet der Literatur, feststellbar war. Pirchans wissenschaftliches Werk wurde von den Rezensenten ausnahmslos als kul- tiviert eingeschätzt, als Werk, dem der Versuch um eine zurückhaltende und objektive Darstellung des untersuchten Stoffes zu eigen ist, das in analytischer Hinsicht gründlich durchdacht ist und den breiten kulturellen Horizont des Autors offenbart.241 Dieser Ein- schätzung kann man auch heute noch zustimmen. Pirchan gehörte zu den Historikern, die ihre Interpretationen auf einer breiten Quellen- und Literaturgrundlage basieren lie- 239 Pirchan, Italien und Kaiser Karl IV. (wie Anm. 5) 240–249. 240 Ebd. 439f. 241 Vgl. z.B. Novotný, Rezension (wie Anm. 166), ferner auch Josef Šusta in :  Český časopis historický 44 (1938) 558f.
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Österreichische Historiker Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Österreichische Historiker
Untertitel
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
Band
2
Autor
Karel Hruza
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78764-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
678
Schlagwörter
Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
Kategorie
Biographien
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